Unternehmensethik

Unternehmensethik umfasst als Teilbereich der Wirtschaftsethik alle Aspekte unternehmerischen Handelns. Unter Berücksichtigung der größeren strukturellen Zusammenhänge (Ordnungsethik) sowie von individuellem (Führungs-)Verhalten (Individualethik), behandelt Unternehmensethik die Fragen, die Unternehmen als eigenständige moralische Akteure betreffen, wie beispielsweise die Frage nach Lohngerechtigkeit oder nach dem Umgang mit Ressourcen.

Basisinformationen

Das menschliche Leben ist schon immer davon gekennzeichnet, dass es geschöpfliches Leben ist (vgl. Gen 1f). Damit einher geht die grundlegende Unterscheidung von menschlichem Sein und menschlichem Handeln in den unterschiedlichen Lebensvollzügen, in denen es sich zu bewähren hat. Christlicher Ethik geht es demzufolge darum, die menschliche Existenzform des geschöpflichen Lebens in allen Bereichen zu reflektieren und zu bezeugen (vgl. Ulrich 2007).

Folgt man diesem explorativen Ansatz für den Bereich der Unternehmensethik, so darf nicht nach der ethischen Legitimierung oder Verwirklichung ökonomischer Realitäten von Unternehmen gefragt werden. Unternehmen sind nie selbst die Verwirklichung geschöpflicher Existenz, sondern immer nur ein Medium neben anderen, wie Technik oder Medizin. Es geht deshalb darum, in den unterschiedlichsten Situationen unternehmerischen Wirkens zu fragen, was den Menschen Mensch, also Geschöpf, sein lässt und was nicht.

Anhaltspunkte für Antworten auf diese Frage können die biblischen Zeugnisse geben. Hier sind neben den Schöpfungstexten insbesondere die Aussagen zu Arbeit und Sabbat, Armut und Reichtum, Eigentum sowie Freiheit von der Übermacht des Ökonomischen weiterführend. Dazu sei in erster Linie auf die prophetischen und weisheitlichen Texte des Alten Testaments (v.a. Amos, Jesaja, Sprüche) sowie die Evangeliumserzählungen des Neuen Testaments verwiesen. Zu den wichtigen Impulsen für eine Unternehmensethik gehören beispielsweise die Forderung eines heilvollen Rhythmus von Arbeit und Ruhe, die ausdrückliche Option für die Armen und damit die Frage nach gerechtem Lohn, der verantwortliche Umgang mit Produktionsmitteln, die unverbrüchliche Würde des Menschen unabhängig von seiner Leistung im Unternehmen und eine "Ökonomie des Genug" als Grundsätze unternehmerischen Handelns.

Anknüpfend an die biblischen Forderungen äußert sich Martin Luther zwar nicht explizit zum Thema Unternehmensethik, aber doch zu Arbeit und Beruf, Handel und Eigentum sowie Geld und Finanzen. Hervorzuheben sind einerseits seine Betonung von Nächstenliebe und Billigkeit als oberste Prinzipien und damit die Dienstfunktion unternehmerischen Handelns. Zum anderen die zentrale Bedeutung der Erlösung des Menschen in Jesus Christus, die menschliche Leistung relativiert und einen gnädigen Umgang mit menschlichen Fehlern bzw. Versagen im Berufsalltag fordert.

In jüngerer Zeit stellt die nicht unumstrittene kirchliche Denkschrift #"Unternehmerisches Handeln aus evangelischer Perspektive" (2008) konkrete Forderungen für die Praxis auf. Zentrale Themen sind Gerechtigkeit, Verantwortung und Freiheit.

a. Grundlegende Informationen

1. Abgrenzung

Unternehmensethik steht innerhalb der Wirtschaftsethik zwischen übergeordneter Ordnungsethik, also beispielsweise der Frage nach politischen Forderungen oder herrschender Wirtschaftsordnung, und der Entscheidung und Verantwortung der einzelnen wirtschaftlichen Akteure. Je nach Ansatz wird die Rolle der über- oder der untergeordneten Ebene innerhalb der unternehmensethischen Theorie stärker betont. Fest steht allerdings, dass Unternehmensethik nie ganz ohne Rolle von Staat und Wirtschaftssystem sowie die der einzelnen Akteure gedacht werden kann.

2. Unternehmen als moralische Akteure

In der ethischen Debatte wird immer wieder die grundlegende Frage gestellt, ob bzw. inwiefern Unternehmen als eigenständige Akteure verstanden werden können und ihnen damit eine aktive Rolle innerhalb des moralökonomischen Diskurses zukommt. Der differenztheoretische Ansatz von Josef Wieland scheint hier weiterführend. Wieland rückt gerade den Unterschied zwischen individuellem und kollektivem Akteur in den Blick und wendet sich gegen einen identitätstheoretischen Ansatz, der nach Übereinstimmungen der Merkmale individueller und kollektiver Akteure fragt. So definiert er Unternehmen als eigenständige moralische Akteure im Sinne einer konstitutionellen Kooperationsform individueller Akteure (vgl. Wieland 2005: 140–142). Damit können Unternehmen als Organisationen zu Adressaten des moralökonomischen Diskurses werden. Allerdings ist darauf hinzuweisen, dass die Bezeichnung von Unternehmen als kollektive moralische Akteure nach diesem Verständnis gerade keine Personifizierung von Unternehmen meint, sondern im Sinne der gemeinsamen Verantwortung einer Gruppe zu verstehen ist.

3. Bezugsrahmen

Einer protestantischen Unternehmensethik, wie sie hier verstanden wird, geht es nicht um das (theoretische) Aufstellen von Forderungen, sondern um ein beständiges Differenzieren in und ein Erproben von gelebter Praxis. Dies bedeutet, dass Unternehmen in all ihren Bezügen und unterschiedlichen Situationen unternehmerischen Wirkens zu fragen haben, was den Menschen Mensch, also Geschöpf, sein lässt und was nicht.

In einer zunehmend vernetzten Welt ist dies stets als globale Aufgabe zu verstehen. Nicht-Christ*innen dürfen deshalb als Adressat*innen einer christlichen Unternehmensethik keinesfalls ausgeklammert werden. Die Geschöpflichkeit des Menschen gilt universell, auch wenn sich eine christliche Unternehmensethik, die sich in ihrer Argumentation darauf beruft, von anderen Ansätzen unterscheidet. Letztlich bietet sie aber gerade darin vielfältige Anknüpfungspunkte. Sie sind genauso zu benennen wie die Unterschiede, um in der gemeinsamen Suche und der Auseinandersetzung untereinander zu ethischem Handeln in der Praxis zu gelangen. Die hier aufgeführten Autor*innen und Texte können wertvolle Impulse dazu geben.

4. Biblische Grundlagen

Keine christliche Ethik kommt an den biblischen Texten vorbei, die eine allgemeine Lebensorientierung bieten, wie beispielsweise der Dekalog, das Doppelgebot der Liebe oder die Goldene Regel. Darüber hinaus gibt es biblische Aussagen, die besonders im Kontext der Unternehmensethik zu rezipieren sind. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, seien hier einige zentrale genannt. (Zum Aspekt "Arbeit" vgl. z.B. den entsprechenden Beitrag von Johannes Rehm in diesem Lexikon.)

4.1 Geschöpflichkeit, Begrenzung und Brüchigkeit

Grundlegend für alle weiteren Überlegungen zur Unternehmensethik sind die schöpfungstheologischen Aussagen der Bibel zu nennen. Zentrale Texte sind neben den beiden Schöpfungsberichten (Gen 1,1 – 2,4a. 2,4b–8,22*) das Motiv vom Königsgott JHWH in den Psalmen, der nicht nur die Natur, sondern auch Zeit und Geschichte geschaffen hat (z.B. Ps 74,12; 104,1a–4), sowie die soteriologische Perspektive der Neuschöpfung im Neuen Testament, die noch auf Vollendung wartet.

In ihnen liegt zum einen die fundamentale Unterscheidung von Schöpfer und Geschöpf wie auch die von menschlichem Sein als Ebenbild Gottes und seinem Handeln begründet. Für wirtschaftliche Prozesse in Unternehmen hat dies zur Konsequenz, dass Menschen nicht als Mittel zum Produktionszweck verstanden werden dürfen, sondern Mitarbeitenden stets unabhängig von ihrer Leistung allein aufgrund ihrer Geschöpflichkeit ihre Würde zukommt. Gleichzeitig ist der Mensch in aller Unterschiedlichkeit und doch Bezogenheit aufeinander zum Handeln als Haushalter der Schöpfung Gottes bestimmt. Dies muss in nachhaltiger Verantwortung geschehen. Eine "Ökonomie des Genug" sollte als Maxime unternehmerischen Handelns leitend sein, wie gerade mehrere neutestamentliche Texte unterstreichen (vgl. Lk 12, 13–21, Mt 6,19–33, Jak 4, 13–16). Zudem ist die menschliche Macht in Bezug auf die übrige Schöpfung wie auch den Faktor Zeit göttlich begrenzt. Unternehmen müssen sich dieser Grenzen bewusstwerden, um ihre eigenen Ziele zu relativieren. Gleichzeitig dürfen sie sich dieser Grenzen bewusstwerden, um von überzogenen Wettbewerbsansprüchen und immer knapperen Zeitvorgaben befreit zu werden. Nicht zuletzt wird auch darin immer wieder die Brüchigkeit des "schon jetzt – noch nicht" deutlich, von der das Neue Testament spricht. Defizite zu benennen bzw. darauf ansprechbar zu sein und einen angemessenen Umgang im Unternehmen damit zu finden, entspricht deshalb einer christlichen Unternehmensethik.

4.2 Armut, Eigentum und Gerechtigkeit

Betriebe sind in der Regel Eigentümer von Land, Produktionsgütern oder Maschinen und bis zu einem gewissen Grad von Menschen, die für sie arbeiten. Deshalb kommt christliche Unternehmensethik an den entsprechenden biblischen Aussagen und der dahinterstehenden Frage nach Gerechtigkeit nicht vorbei. Insbesondere im Alten Testament werden weder Reichtum noch Eigentum grundsätzlich abgewertet, sondern durchaus positiv gesehen. Sie werden durch das israelitische Recht geschützt (vgl. Ex 20,15.17; Dtn 5,19.21; 1 Kö 21), beinhalten jedoch soziale Verpflichtungen (vgl. Mk 12,41–44; Lk 8,3; Apg 2,44f; 4,32–35). Deshalb verurteilen die Psalmen, die Gesetzestexte des Pentateuchs und insbesondere die Propheten jene Konstellationen, in denen der Besitz nicht rechtmäßig erworben wird, sondern mit Unterdrückung und Ausbeutung einhergeht. Die Texte ergreifen dabei eindeutig Partei für die Armen, was sich im Neuen Testament fortsetzt (vgl. z.B. Jes 5, 8–10; Jer 5, 26–28; Am 2,6–8; Mi 6,9–15; Mt 11,5; Lk 6,20; 1 Kor 5,12). Vor dem Hintergrund der rettenden Erfahrung der Befreiung aus Ägypten durch JHWH soll das Volk ein Verbund aus Brüdern und Schwestern sein. Gerechtigkeit ist demnach immer gemeinschaftsbezogen und orientiert sich reflexiv am Ursprung, Gottes Treue zu seinem Volk bzw. zu allen Menschen in Jesus Christus, und zielt nicht teleologisch auf mehr Teilhabe.

Gerade Unternehmen, die als Eigentümer von verschiedenen Finanz- und Produktionsmitteln zu "den Reichen" zählen, müssen sich also auf ihre Verantwortung für "die Armen" ansprechen lassen. Was Gerechtigkeit konkret in Bezug auf Lohnzahlungen, Gewichtung von Bildungsabschlüssen, die Vergabe von Führungspositionen an Männer und Frauen oder die betriebliche Mitbestimmung in in- und ausländischen Produktionsstätten bedeutet, ist im Sinne einer explorativen Ethik von Unternehmen jeweils im Einzelnen zu reflektieren und zu erproben. Differenzierungskriterium kann die biblisch begründete gemeinschaftsbezogene Gerechtigkeit sein.
 

b. Ethisch-ökonomische Debatte

Die wissenschaftliche Debatte um Unternehmensethik wurde in jüngerer Zeit vor allem Ende des letzten Jahrhunderts geführt. Wichtige Impulse aus dem Bereich der Wirtschaftswissenschaften kamen in den 1990er bzw. 2000er Jahren von Karl Homann, Peter Ulrich und Josef Wieland. Unter anderem aufgrund des Schmiergeld-Skandals bei Siemens 2006–2008 und der Finanzkrise 2007/2008 wurden unternehmensethische Fragen in Deutschland vor allem gesellschaftlich diskutiert. Grundlegende aktuellere Ansätze zur Unternehmensethik hingegen fehlen weitgehend.

1. Karl Homann

Der Philosoph und Ökonom Homann veröffentlicht Anfang der 1990er Jahre seinen ordnungsethischen Ansatz (vgl. Homann 1992). Kernstück seiner Theorie sind die Spieltheorie und das Gefangenendilemma, mithilfe derer er seine Wirtschaftsethik und als deren integralen Bestandteil seine Unternehmensethik entwickelt.

Aufgrund der Unvollständigkeit der (staatlichen) Rahmenordnung sind Unternehmen aufgefordert, den Bedarf an moralischer Verantwortung, der über die Vorgaben hinausgeht, zu identifizieren und Fortschreibungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Die Bedeutung von individualethischen Entscheidungen innerhalb der Unternehmen ist dabei besonders hervorzuheben. In einer Besserstellung aller in einer paretosuperioren Form sieht er die antreibende Kraft der Moral.

2. Peter Ulrich

Einen darüber hinaus gehenden, integrativen Ansatz verfolgt der Schweizer Ökonom Peter Ulrich (vgl. Ulrich 2016). Für ihn gilt – im Anschluss an Immanuel Kant, Jürgen Habermas und Karl-Otto Apel – die Diskursethik als aussagekräftigste Explikation einer Vernunftethik und ist eine wichtige Orientierungshilfe, um die ökonomische Rationalität wieder an das Kriterium der Lebensdienlichkeit anzubinden. Letzteres ist die konstitutive ethische und funktionale Erfolgsgrundlage jedes Unternehmens, nicht nur äußeres Korrektiv. Dabei unterteilt Ulrich die Unternehmensethik in zwei systematische Orte: Neben einer Geschäftsethik als Ort der betrieblichen Integration von Ethik und Geschäftserfolg bedarf es der republikanischen Unternehmensethik zur grundlagenkritischen Reflexion und Veränderung der Ordnungsebene. Ergänzt werden diese um den öffentlichen Dialog mit allen Stakeholder-Gruppen. Unternehmensethik hat also (auch) grundlagenkritische Aufgabe und darf nicht instrumentalistisch, karitativ oder korrektiv verwendet werden.

3. Josef Wieland

Die Theorie der Governanceethik des deutschen Wirtschaftsethikers Josef Wieland (Wieland 2005; 2007) ist stark empirisch orientiert und basiert neben der Systemtheorie Niklas Luhmanns auf dem Ansatz der Neuen Institutionenökonomik und ihrer Transaktionskostentheorie sowie der aristotelischen Tugendethik.

Ihr Ausgangspunkt liegt in den einzelnen ökonomischen Transaktionen und ihrer jeweiligen moralischen Dimension. Den Koordinations- und Kooperationsmechanismen von Organisationen kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Mittels Führungs-, Steuerungs- und Kontrollstrukturen, sog. lokalen und globalen Governancestrukturen, werden in Unternehmen Wertansprüche und Werthaltungen eingebaut. Entscheidend sind dabei Anreize, die moralisches Handeln induzieren. Ihren Ausdruck finden sie schließlich in konkreten Ethikmanagementsystemen als firmenspezifisches Instrument, um moralische Leitwerte zu definieren und mit Leben zu füllen.
 

c. Evangelische Impulse

Für eine evangelisch-lutherische Positionierung sind neben den biblischen Impulsen, einige Äußerungen Martin Luthers weiterführend. Darüber hinaus sind hier die Ansätze von Arthur Rich aus den 1980er Jahren, von Nils Ole Oermann (2007) und die EKD-Denkschrift "Unternehmerisches Handeln" (2008) zu nennen.

1. Martin Luther

Gerade die Textpassagen des Reformators zu Arbeit und Beruf, Handel und Eigentum sowie Geld und Finanzen sind weiterführend für eine protestantische Unternehmensethik. Seine Äußerungen zu ökonomischen Fragen bleiben dabei untrennbar mit seiner Theologie verbunden, genauer mit seinem Ansatz bei der Beziehung von Gott und Mensch: Das Handeln des Menschen ist stets Antwort auf das Geschenk der Rechtfertigung, die wiederum eine Freiheit von den Werken ermöglicht. Damit sind Ethik und Evangelium, also auch unternehmerisches Handeln und die eigene Seligkeit, untrennbar verbunden. Zentrale Anhaltspunkte sind für Luther das Liebesgebot, die Goldene Regel und im Anschluss an die Bergpredigt das allgemein einsichtige Prinzip der Billigkeit (vgl. Prien 2012).

Insbesondere seine Betonung der theologischen Dimension von Arbeit und Beruf, durch die Ursprung, Zweck und Gelingen des menschlichen Tuns auf Gottes Wirken und seinen Segen zurückgeführt werden, ist hier hervorzuheben. Leistung und wirtschaftlicher Ertrag sind keine Kriterien, sondern Arbeit hat dienende Versorgungsfunktion für den gemeinsamen Lebensvollzug der Menschen. Dies hat nicht nur Konsequenzen auf das Lohngefüge in Firmen, sondern auch auf Umsatzvorgaben sowie deren Unternehmenskultur oder Engagement im Rahmen von Corporate Social Responsibility (CSR). Luther geht es um ein rechtes und gerechtes Miteinander und einen verantwortlichen Umgang mit Eigentum.

Auch der Verweis des Reformators auf das erste Gebot und die daran anschließende Antithese von Gott oder Mammon haben bis heute ihre Gültigkeit behalten. Gerade der dauernde Fortschritts- und Wachstumsgedanke, der Umgang mit wirtschaftlich abhängigen Zulieferbetrieben, die anhaltende Bedeutung von Niedriglohn-Standorten oder die Verschiffung von Müll in Dritte-Welt-Länder machen deutlich, wie der Mammon in seinen modernen Formen die unternehmerische Welt bestimmt.

Nicht zuletzt ist Luthers theologischer Ausgangspunkt bei der Rechtfertigung des Menschen relevant für eine protestantische Unternehmensethik, gibt er doch Antwort auf die Frage des Umgangs mit Fehlern, Versagen und Schuld in Unternehmen.

2. Arthur Rich

Grundlegend für den Schweizer Theologen Arthur Rich, der in den 1980er Jahren in zwei Bänden seine Überlegungen zur Wirtschaftsethik insgesamt darlegt (Rich 1991; Rich 1992), ist der existenzial-theologische Ansatz beim Menschen in seinen unterschiedlichen Beziehungen und seiner damit einhergehenden umfassenden Verantwortung. Bezogen auf Unternehmen macht der Ansatz von Rich deutlich, dass sie der Ort der Wirtschaft sind, an dem alle drei Grundbeziehungen des menschlichen Daseins zum Tragen kommen und ethisch Berücksichtigung finden müssen, sowohl die Beziehung zu sich selbst (individualer Aspekt), als auch zu anderen (personaler Aspekt) und der Umwelt (ökologischer Aspekt). Unternehmen tragen deshalb die ethische Verantwortung in Bezug auf alle drei Dimensionen.

Rich unterscheidet zusätzlich zwischen drei sozialethischen Ebenen. Zum einen die Ebene der menschlichen Erfahrungsgewissheiten, die aus christlicher Perspektive die hoffende Liebe des Glaubens meint. Diese sollen anhand von Kriterien der Humanität aus Glauben, Hoffnung und Liebe das Menschengerechte im Sachgemäßen artikulieren. Und drittens die Ebene der konkreten Maxime, der Normen, die als Handlungsorientierung vernunftbezogen und kritisch hinterfragbar bleiben. Rich zufolge haben Betriebe immer wieder neu nach solchen Handlungsmaximen zu suchen und diese sowohl in ihren Strukturen zu verankern als auch ihrem Tun sichtbar zu machen. Der Aspekt des "Menschen-gerechten" ist dabei zentral, da Maximen stets dem Menschen dienen müssen und der Mensch letztlich verwiesen bleibt auf Gottes Gerechtigkeit, auch in Situationen von Versagen und Schuld im Wirtschaftskontext.

3. Nils Ole Oermann

Im Jahr 2007 veröffentlicht der Deutsche Wirtschaftsethiker Nils Ole Oermann sein Konzept der Intervenierenden Wirtschaftsethik (Oermann 2014). Unter Berufung auf Galater 5,1 baut er dieses auf dem protestantischen Freiheitsbegriff auf, der sich vom Freiheitsverständnis des Marktes unterscheidet. Schafft der Markt zwar Werte, aber auch Ungerechtigkeiten, so ist der freie Christenmensch stets dazu gerufen, die ihm geschenkten Potenziale zum Wohle aller zu nutzen. Die ökonomische Verantwortung ist innerhalb dieser Freiheit vom Einzelnen zu reflektieren. Insofern ist Ethik nicht appellative, sondern intervenierende Ethik. Sie bemüht sich, "ökonomische, politische oder medizinische Zusammenhänge, deren logische Strukturen, Entwicklungen und aktuellen Stand zu erfassen, bevor sie zu ethischen Appellen kommt." (Ders. 158). Deshalb kann für Oermann konkretes, ethisch zu reflektierendes Tun immer nur einem konkreten Akteur zugeordnet sein; Unternehmen sind für ihn nicht moralfähig.

4. Denkschrift "Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive"

Im Jahr der großen Bankenkrise 2008 richtet die EKD mit ihrer nicht unumstrittenen Denkschrift den Blick dezidiert auf unternehmerisches Handeln (EKD 2008), wobei sie teils an frühere Texte anschließt (EKD 1991 und EKD 2006). Unternehmertum wird darin in seinen vielfältigen Bezügen, wie beispielsweise Soziale Marktwirtschaft, Arbeitnehmer*innen oder Konsument*innen, beleuchtet. Sie spricht von einer Berufung zu unternehmerischem Handeln und betont dessen Notwendigkeit für die Gesellschaft (vgl. EKD 2008: 24–31, Ziff. 11–22). Gleichzeitig wird die Bedeutung unternehmerischer Verantwortung nicht nur in ökonomischer, sondern auch in sozialer, ökologischer oder demokratischer Hinsicht betont. Stichworte, die hier vom Text genannt werden, sind Fairness, Glaubwürdigkeit, Transparenz und Authentizität (vgl. EKD 2008: S. 116–124, Ziff. 125–138).

Darüber hinaus fordert der Text im Anschluss an die vorhergehende Verlautbarung (EKD 2006) "neue Wege der Teilhabegerechtigkeit" (EKD 2008: S. 97, Ziff. 99). Insbesondere die Frage der Lohngerechtigkeit wird ausführlicher behandelt. Es gibt aber auch Forderungen nach einer familienfreundlicheren Arbeitskultur oder einer verstärkten Förderung von hoch qualifizierten Frauen.

Als drittes großes Thema der Denkschrift ist der Begriff der Freiheit zu nennen. Dieser kommt vielschichtig im Unternehmensalltag zum Tragen, so z.B. als unverfügbares Geschenk Gottes, das von jeglichem Leistungsdruck befreit, aber auch als Freiheit von der Sorge um materielle Dinge und ökonomische Zwänge.

Explizit weist die Denkschrift darauf hin, dass alle drei ethischen Aspekte in der Unternehmenskultur verankert und praktisch gelebt werden müssen. Schließlich erinnert sie daran, dass auch Kirche und Diakonie sich zwar nicht selbst als Unternehmen verstehen, allerdings teils denselben Sachzwängen unterliegen (EKD 2008: S. 102–115, Ziff. 107–124).
 

d. Rechtliche Positionen

Seit den 1990er Jahren hat das Thema der "guten Unternehmensführung" auch politisch zunehmend an Bedeutung gewonnen. Auch die Bundesregierung hat sich damit befasst.

So entstand 1998 mit dem Kontroll- und Transparenzgesetz (KonTraG) das erste Corporate-Governance-Gesetz, dem noch verschiedene weitere folgen sollten (TransPuG, UMAG, ARUG, VorstOG, VorstAG usw.). Schließlich entstand daran anknüpfend 2002 mit dem Deutschen Corporate Governance Kodex (DCGK) ein Regelwerk, das vor allem Empfehlungen und Anregungen für börsennotierte Unternehmen zur guten Unternehmensführung enthält.

Der Kodex wird jährlich von der "Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex" überprüft.

Darüber hinaus sei an dieser Stelle auf alle weiteren gültigen Gesetze wie beispielsweise Grundgesetz, Arbeitszeit- oder Bundesurlaubsgesetz verwiesen, an die sich alle Unternehmen in Deutschland halten müssen.

a. Medien/Material

vgl. auch die Literaturliste
 

b. Fragen/Thesen zur Diskussion

  • Was können religiös oder weltanschaulich profilierte Unternehmensethiken in weltanschaulich neutralen Unternehmen zur Unternehmenskultur beitragen?
  • Wie wirkt sich eine spezifisch evangelische Unternehmensethik auf den betrieblichen Alltag eines Unternehmens aus?
  • Können Unternehmen Ihrer Meinung nach als moralische Akteure verstanden werden? Wenn ja, warum?
  • Wie kann der Multikulturalität und Multireligiosität moderner Gesellschaften unternehmensethisch entsprochen werden?
  • Wie kann Geschlechtergerechtigkeit in eine Unternehmenskultur implementiert und unternehmensethisch befördert werden?
  • Es gibt eine Pluralität von Ansätzen zur Unternehmensethik. Welche Gemeinsamkeiten weisen sie auf, welche Unterschiede. Arbeiten Sie beides heraus.

a. Vertiefende Literatur

Martin Luther (zitiert nach der "Weimarer Ausgabe"):

  • Kleiner Sermon vom Wucher (WA 6,1–8)
  • Großer Sermon vom Wucher ( WA 6,36–60)
  • Sermon von dem ungerechten Mammon (WA 10III, 273–292)
  • Von Kaufshandlung und Wucher (WA 15, 293–332)
  • An die Pfarrherrn wider den Wucher zu predigen (WA 51, 331–424).
     

Denkschriften:

  • EKD: Gemeinwohl und Eigennutz. Wirtschaftliches Handeln in Verantwortung für die Zukunft. Eine Denkschrift des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Gütersloh 21991.
  • EKD: Gerechte Teilhabe. Befähigung zur Eigenverantwortung und Solidarität. Eine Denkschrift des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Gütersloh 22006.
  • EKD: Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive. Eine Denkschrift des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Gütersloh 22008.


Monographien:

  • Behrendt, S.: Evangelische Unternehmensethik. Theologische, kirchliche und ökonomische Impulse für eine explorative Ethik geschöpflichen Lebens, Stuttgart 2014.
  • Göbel, E.: Unternehmensethik. Grundlagen und praktische Umsetzung, Stuttgart 52017.
  • Homann, K./Blome-Drees, F.: Wirtschafts- und Unternehmensethik, Göttingen 1992.
  • Krause, F.: Unternehmensethik. Ein phänomenologischer Beitrag zur theoretischen Fundierung, Marburg 2019.
  • Oermann, N. O.: Anständig Geld verdienen? Eine protestantische Wirtschaftsethik, Freiburg 22014.
  • Prien, H.-J.: Luthers Wirtschaftsethik, Neuauflage Nürnberg 2012.
  • Rehm, J./Reihs, S. (Hg.): Kirche und unternehmerisches Handeln. Neue Perspektiven der Dialogarbeit, Stuttgart 2010.
  • Rich, A.: Wirtschaftsethik. Band 1: Grundlagen in theologischer Perspektive, Gütersloh 41991.
  • Rich, A.: Wirtschaftsethik. Band 2: Marktwirtschaft, Planwirtschaft, Weltwirtschaft aus sozialethischer Sicht, Gütersloh 21992.
  • Ulrich, H. G.: Wie Geschöpfe leben. Konturen evangelischer Ethik, Münster 22007.
  • Ulrich, P: Integrative Wirtschaftsethik. Grundlagen einer lebensdienlichen Ökonomie, Bern 52016.
  • Wieland, J.: Normativität und Governance. Gesellschaftstheoretische und philosophische Reflexionen der Governanceethik, Marburg 2005.
  • Wieland, J.: Ethik der Governance, Marburg 52007.

 

b. Predigt- bzw. Unterrichtshilfen

 

c. Linkliste

Veröffentlicht am 10.02.2021 (Version 1.0).

Zitierweise:
Weingärtner, S.: Art. "Unternehmensethik" (Version 1.0 vom 10.02.2021), in: Ethik-Lexikon, verfügbar unter: https://www.ethik-lexikon.de/lexikon/unternehmensethik.