Wirtschaftsethik

Wirtschaftsethik in Wissenschaft wie Praxis ist der Ansatz, auf die zunehmend als defizitär empfundene Trennung von Ökonomie und ihren vermeintlichen Eigengesetzlichkeiten sowie Ethik als der Bezug auf moralisch geprägte Normen zu reagieren. Dabei geht es um die Frage, wie wirtschaftliches Handeln mit dem Gesamtkontext moralischen und somit ethischen Bewusstseins verbunden werden kann, um so Wirtschaft und Ethik in ein produktives Spannungsverhältnis zu bringen, das sich am Gemeinwohl ausrichtet.

Basisinformationen

Die Begriffszusammensetzung Wirtschafts-Ethik beschreibt die Spannung, die sich in ihrer Aufgabenstellung in Theorie wie Praxis widerspiegelt: Der vermeintliche Antagonismus von ökonomischer (Minimal-, Maximal-, Extremumprinzip) und ethischer Rationalität (z.B. Altruismus[-prinzip], negatives Minimalprinzip). Dieser vermeintliche Antagonismus verleitet manche Wissenschaftler dazu, der Wirtschaftsethik ihr Existenzrecht abzusprechen. Niklas Luhmann (1927–1998) hat etwa über Wirtschaftsethik geschrieben, sie gehöre "... zu der Sorte von Erscheinungen (...) wie auch die Staatsräson oder die englische Küche, die in der Form eines Geheimnisses auftreten, weil sie geheim halten müssen, dass sie gar nicht existieren." (Luhmann 1993: 134). Folgt man diesem systemtheoretischen Ansatz, so sind Wirtschaft und Ethik zwei in sich geschlossene Systeme, die parallel nebeneinander existieren. Eine Verbindung beider Systeme scheint nicht möglich, da beide nach jeweils eigenen Gesetzmäßigkeiten funktionieren, die nicht miteinander in Einklang zu bringen sind.
 
Wirtschaftsethik in Theorie wie Praxis gibt sich mit dieser theoretischen Abgrenzung nicht zufrieden und versucht, die vermeintliche Trennung der Systeme zu überwinden. Es geht darum, wie Menschen, die in beiden Sachgebieten zu Hause sind und in beiden Systemen agieren, diese miteinander verbinden können, so dass der aristotelische Gedanke, dass Oikonomie, Politik und Ethik ineinander wirken, um dem Gemeinwohl zu dienen, verwirklicht werden kann. Dabei lässt sich Wirtschaftsethik im analytischen Sinne nach dem Adressaten in Führungsethik (Adressat: Individuum; Themen z.B.: Führungsverhalten, Korruption, Mitarbeiter*innen-Entwicklung und -förderung), Unternehmensethik (Adressat: Institution; Themen z.B.: Unternehmenskultur, Organisationsentwicklung, Kartellbildung, Lobbyismus etc.) sowie Wirtschaftsethik im eigentlichen Sinne (Adressat: System, Themen z.B.: [Wirtschafts-]Ordnungspolitik, Umweltschutz, Globalisierung) trennen.
Es ist also zu fragen, wie wirtschaftliches Handeln mit dem Gesamtkontext moralischen und ethischen Bewusstseins verbunden werden kann, ohne das eine System dem anderen überzustülpen (Ökonomismus versus Moralismus). Verkürzt lässt sich der hypothetische Imperativ für den Kultursachbereich Wirtschaft auf die Formel bringen: "Handle so, dass das Ergebnis deiner Handlung für dich nach Abzug des Aufwandes möglich hoch ist", während der kategorische Imperativ in der Formulierung von Immanuel Kant (1724–1804) so lautet: "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde." (Kant 1983: 51)
Daraus ergibt sich eine grundsätzliche Spannung, da die Imperative zwischen Egoismus- und Altruismusprinzip vermeintlich kaum eine gemeinsame Linie finden. Diese Spannung zwischen den beiden Disziplinen ist das theoretische Grundlagenproblem, dessen Klärung als Voraussetzung der heutigen Debatte gilt. Wirtschaftsethik muss als Bindestrich-Ethik die "Theorie der menschlichen Lebensführung" (Rendtorff 1990: B 1, 35) in den Kontext der praktischen ökonomischen Lebenswirklichkeit stellen, zugleich muss diese ökonomische Lebenswirklichkeit Rechenschaft ablegen im Blick auf reflektierte gesellschaftliche und menschliche Normen, die für Gesellschaften und die in ihr lebenden Menschen leitend sind.
Gab es zwar in der Geschichte der Ökonomie, Ethik und Theologie immer wieder Ansätze zu einer wirtschaftsethischen Diskussion (siehe dazu den Abschnitt zur fachwissenschaftlichen Debatte), so hat sich die Debatte im praktischen wie im theoretischen Bereich seit den 1980er Jahren deutlich intensiviert. Die seinerzeit ausgelöste Konjunktur der Debatten um Wirtschaftsethik ist mit dem Zusammenbruch der östlichen Planwirtschaften und dem Siegeszug des marktwirtschaftlichen Prinzips ("Turbokapitalismus") in engen Zusammenhang zu bringen, da die Marktwirtschaft durch die Entwicklung der Jahre 1990ff. das ideologische (nicht: faktische!) Korrektiv verloren hat. Durch die rasante Entwicklung der Marktwirtschaft (Stichworte: Globalisierung, VUCA-Welt) treten auch deren negative Folgen immer deutlicher zu Tage; infolgedessen wird das Bedürfnis nach ethischer Orientierung größer.
Ein weiterer Grund für den Ethik-Bedarf liegt in einer durch verstärkte Medienpräsenz zunehmenden Durchleuchtung des wirtschaftlichen Handelns von Staaten und Unternehmen. Nicht zuletzt die exponentiell wachsenden negativen externen Effekte globalen Wirtschaftens (Klimawandel, Armut, Gerechtigkeitsdebatte etc.) wie auch durch Internet und Social Media schneller aufgedeckte, ökonomistisch motivierte Skandale machen ein Nachdenken über die Moral wirtschaftlichen Handelns notwendig.
Wirtschaftsethik hat eine doppelte Zielbestimmung: Zum einen geht es um das theoretische Problem, das sich mit der Verbindung der ökonomischen und der ethischen Rationalität zu befassen hat. Dabei ist zu klären, wie Wirtschaftsethik ihrem begrifflichen Anspruch, ein interdisziplinärer Fachbereich zu sein, gerecht werden kann. Zum anderen stellt sich die Frage nach konkreter Umsetzung eines wohlgelingenden Lebens im wirtschaftlichen Handeln, das sowohl ökonomischen wie auch ethisch legitimierten Interessen folgt.

a. Geschichtliche Aspekte

Bemühungen, den Blick über das eigene Fachgebiet zu wagen, sind historisch betrachtet nicht neu, im Gegenteil: In der früheren Wissenschaftsgesellschaft, insbesondere im 18. und 19. Jahrhundert, war es selbstverständlich, dass die Wissenschaften interdisziplinäre Zusammenhänge in den Blick nehmen. Das mag damit zusammenhängen, dass die frühere universitäre Ausbildung umfassender konzipiert war, sich also nicht nur auf die jeweilige Fachdisziplin konzentrierte. Der sprichwörtliche Blick über den Tellerrand war Standard.
So entwickelt Adam Smith (1723–1790), der als der erste systematische Theoretiker der Wirtschaftswissenschaften gilt und missverständlicherweise als Godfather der Marktwirtschaft herhalten muss, seine Beschreibung der Marktwirtschaft auf Basis der Moralphilosophie. Smith war Universalist, der aus der (Moral-)Philosophie und Ethik kam und dann, nicht zuletzt durch seine vielfältige Reisetätigkeit in Europa, das Buch "Der Wohlstand der Nationen" (erstmals 1776) verfasste, in dem er das Wirtschaften des Menschen einer grundlegenden Analyse unterzieht. Parallel zu diesem bereits zu seinen Lebzeiten fünfmal neu aufgelegten und redigierten Buch publizierte er die bis kurz vor seinem Tod ebenfalls mehrfach überarbeitete "Theorie der ethischen Gefühle" (erstmals 1759, letztmals von eigener Hand: 1791, posthum veröffentlicht) – ein Buch, das die Bildung von Werturteilen in der menschlichen Wahrnehmung beschreibt. Es wird immer heiß diskutiert, ob der "Der Wohlstand" oder "Die Theorie" Smiths eigentliches Hauptwerk war. Biographische Indizien sprechen mindestens dafür, dass Smith beide Werke gleichwertig ansah. Insofern erschließt sich erst in der Lektüre beider Bücher die ganze wirtschaftsethische Weitsicht Adam Smith’. Ihn als Godfather der Marktwirtschaft zu stilisieren ist jedenfalls nicht richtig, wenn man sich auf die Lektüre beider Werke einlässt.
Auch andere Ökonomen in der Geistesgeschichte nach Smith sehen nicht nur wirtschaftliche Entwicklungen: David Ricardo (1772–1823), John Stuart Mill (1806–1873) oder Karl Marx (1818–1883) betrachten Ökonomie nicht als abgegrenzten Bereich, sondern versuchen, mit je unterschiedlichen Ergebnissen, Ökonomie in einen gesellschaftlichen wie politischen Kontext einzuordnen.


b. Der Begriff "Evangelische Sozialethik"

In protestantischer Tradition entwickeln sich die – bis heute – spärlichen Ansätze konzeptioneller Wirtschaftsethik aus der sozialethischen Debatte heraus. Der vergleichsweise moderne Begriff "Evangelische Sozialethik" wird von dem evangelischen Theologen Alexander von Oettingen (1827–1905) erstmals prominent in die Debatte eingebracht. Von Oettingen reflektiert in seinem Buch "Moralstatistik. Versuch einer Sozialethik auf empirischer Grundlage" (1868) aufgrund empirisch erhobener Daten über die ethischen Verflechtungen in der Gesellschaft sowie über Prozesse, wie sich diese Beziehungsfelder im Laufe der Geschichte verändern. Damit begründet er in gewisser Weise die moderne evangelische Wirtschaftsethik, wenngleich zarte Pflänzchen evangelischer Wirtschaftsethik schon bei Martin Luther (1483–1546) zu finden sind.


c. Wirtschaftsethik in protestantischer Perspektive

Luthers "Wirtschaftsethik" als Dienst am Nächsten
Luthers Theologie richtet den Blick zunächst auf den und die Einzelne, und erst von dort auf das große Ganze. Den gleichen Zugang unternimmt Luther bei ökonomischen Fragen und deren ethischen Implikationen, die er in recht pragmatischer Weise angeht. Die moderne Differenzierung der Systeme Wirtschaft und Moral, Ökonomie und Ethik, war für Luther nicht relevant. Gleichwohl gibt es bei Luther keine systematische Wirtschaftsethik, sondern er äußert sich jeweils situativ. Zudem konzentriert sich Luther auf das Individuum, ein Grundzug seiner Theologie und zugleich der endgültige Aufbruch in die Moderne.
Luther beschäftigt sich in seiner Schrift "Von Kaufshandlung und Wucher" (Luther: WA 15, 293–322) mit den Grundbedingungen der Ökonomie. So sind für Luther Kaufen und Verkaufen ein völlig normales, ja notwendiges Handeln im menschlichen Alltag. Aber – und hier zeigt sich Luthers Weltverständnis – ist auch wirtschaftliches Handeln immer dahingehend zu überprüfen, ob es gerecht dabei zugeht und in welchem Kontext es stattfindet.
Ebenso banal wie praktisch (Luther war mit wirtschaftlichem Handeln durch sein Elternhaus gut vertraut) gilt für ihn der Aufwand als Maßstab für den Preis. Diese Maßstabssetzung wiederum begründet Luther mit der Schrift. So kritisiert er in drastischen Worten etwa das Zinsnehmen und den Wucher (2. Mose 22,24; vgl. im Kontext des Erlassjahres 3. Mose 25,36f; Lk 6,34f). Nach Luther muss sich die Preispolitik der Händler am Nächsten orientieren. Das gelingt, so Luther, wenn man sich nach dem Grundsatz der Billigkeit (Epikie) richtet. Was nun recht und billig ist, das müsse der Mensch jeweils aus seiner Intuition heraus entscheiden. Wieder wird deutlich: Luthers Ansatz ist im Grundsatz individualethisch.
Großen Einfluss auf spätere Denker hatte auch Luthers Berufsethik, denn bei Luther gewinnt die Arbeit, der Beruf (von Berufung) eine neue Dimension. Weil der Mensch durch seinen Glauben zu diakonischen Handeln befreit ist, ist nicht mehr nur die vita contemplativa der Mönche und Nonnen eine heilige Sache, sondern heilig ist auch die Berufung des Menschen sich in der Welt zu betätigen (Luther: WA 17, I, 22).
Freilich: Es waren spärliche Ansätze, die Luther hier im Blick auf eine Tradition evangelischer Wirtschaftsethik lieferte – lange Zeit machten auch große evangelische-theologische Denker einen Bogen um das dem weltlichen Regiment zugerechnete unappetitliche Wirtschaften.


Die Soziale Frage als die Geburtsstunde protestantischer Wirtschaftsethik
Mit der Industrialisierung und den mit ihr aufkommenden neuen sozialen Konstellationen und Fragen kommen grundsätzliche Fragen evangelischer Wirtschaftsethik systematisch in den Blick. Neben dem oben erwähnten Alexander von Oettingen ist es Johann Hinrich Wichern (1808–1881), der hier erste Maßstäbe setzt. Wichern erkannte früh, dass die Industrialisierung und ihre Folgen für die protestantische Kirche und hier vor allem für die Diakonie als Dienst an dem und der Nächsten vor neue Aufgaben stellte, die bisher so nicht bekannt waren. Glaube, Diakonie und Christentum waren für ihn nicht nur eine Sache, die nach außen in die Welt zu tragen ist ("äußere Mission"), sondern bedeuteten für Wichern auch, sich um die sozial schwachen, gesellschaftliche gestrandeten Menschen im unmittelbaren Umfeld zu kümmern, die so genannte "innere Mission". Deswegen gründet Wichern im Jahr 1833 in Horn bei Hamburg das "Rauhe Haus", um dort Kinder aus sozial schwachen Schichten zu versorgen.
Damit war der Grundstein gelegt für die weitere Entwicklung einer evangelischen Wirtschaftsethik. Die Begründung wie Orientierung ethischer Maßstäbe erfolgte in dieser Phase weiterhin über biblische Kriterien, wie sich etwa bei Rudolf Todt (1839–1887) zeigt.
Todt arbeitet in seinem Buch "Der radikale deutsche Sozialismus und die christliche Gesellschaft" von 1877 anhand seiner Interpretation des Neuen Testaments heraus, dass der Staat per se eine soziale Aufgabe habe. Dabei geht Todt zwei Wege: Zum einen will er sich abgrenzen von dem in seinen Augen letztlich atheistisch fundierten sozialdemokratischen Konzept und entwickelt so das Modell eines Religiösen Sozialismus. Zugleich sucht Todt – und nimmt damit schon die Moderne vorweg – das Gespräch mit den Sozialwissenschaften.
Ähnlich geht der Dortmunder Pfarrer Gottfried Traub (1869–1956) vor: Traub unternimmt mit den Schriften "Ethik und Kapitalismus" (1904) sowie "Der Pfarrer und die soziale Frage" (1907) vorsichtige Versuche, Moral und Wirtschaft, Ethik und Ökonomie miteinander ins Gespräch zu bringen.
Doch all die hier erwähnten Ansätze blieben letztlich Stückwerk einzelner Denker. Sie entwickelten weder in der wissenschaftlichen noch in der kirchlichen oder gesellschaftlichen Debatte nennenswerte Durchschlagskraft. Der Anstoß kam von anderer Seite: Aus der – wie man es heute nennen würde – Soziologie.


Der Anstoß aus der Soziologie
Es war Max Weber (1864–1920), der mit seinen religionssoziologischen Studien einen wichtigen Impuls für die Entwicklung evangelischer Wirtschaftsethik gab. Es ist die ebenso berühmte wie umstrittene These Max Webers, dass Luthers Berufsverständnis sowie die calvinistische Prädestinationslehre, insbesondere in ihrer puritanischen Ausprägung, dem modernen Kapitalismus einen neuen Geist eingehaucht hätten, und dem Kapitalismus dadurch gewissermaßen eine religiöse Legitimation gegeben hätte. Mit dieser religiösen Legitimation war zugleich aber auch eine gewisse ethische Grundhaltung verbunden, jeweils andockend an die religiöse Prägung. Es sei – so Weber – charakteristisch für den "Geist" des modernen Kapitalismus, dass die scheinbare eigene Erwähltheit zur Leitlinie der individuellen Lebensführung geworden war. Das freilich habe sich mit dem Aufkommen des modernen Kapitalismus verändert: Diesem modernen Kapitalismus sei der Geist entfleucht – und das verändere auch das System. Weil dieser Geist, geboren aus dem religiösen Umfeld, als innerer Leitfaden und Korrektiv des modernen Kapitalismus, verloren gegangen ist, sei der moderne Kapitalismus zu einem mechanischen Prinzip geworden, so Weber.
Auch der Theologe und kongenialen Denkpartner Max Webers Ernst Troeltsch (1865–1923) beschäftigte sich mit dem Thema, was das protestantische Weltverständnis zur Entwicklung der Moderne, insbesondere zur Entwicklung des Wirtschaftssystems beigetragen hat. Troeltsch macht sich in seinem Buch "Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen" (1912) auf die Suche nach den Ursprüngen der religiösen Ideen und untersucht, wie sich diese in unterschiedlicher Weise jeweils ethisch umgesetzt wurden. Troeltsch gelangt zur Unterscheidung von drei Grundformen, wie sich die christliche Idee jeweils gesellschaftlich korporiert: Nämlich in Form der Kirche, der Sekte und der Mystik. Für Troeltsch ist die Kirche dabei die Korporation als dauerhafte Heils- und Gnadenanstalt, weil es ihr immer wieder gelingt, sich den unterschiedlichen sozioökonomischen Entwicklungen anzupassen. Davon unterschieden ist die Sekte, die als freie Vereinigung strenggläubiger Christen auf die unmittelbare Verwirklichung des Reiches Gottes abzielt. Unterstützt werde dieser Ansatz bei Sekten oft durch ein grundasketische Haltung und häufig auch vorfindbaren radikalen Einstellungen bei ihren Mitgliedern. Die Anhänger der Mystik machen sich dagegen – so Troeltsch – auf den Weg der individualisierten Verinnerlichung.
Es sind also drei Formen der Vergemeinschaftung – Kirche, Sekte oder Mystik – die den christlichen Glauben nach Troeltsch prägen. Dabei war für ihn freilich offensichtlich wie selbstverständlich, dass diese Formen in der Lebenswelt immer vermischt auftreten.
Für Troeltsch ist schließlich noch wichtig, dass nach seiner Ansicht die christliche Grundhaltung, das christliche Ethos, stets in der Weise eines Kompromisses auftritt. Das war für ihn entscheidend im Zusammenhang der in der damaligen Debatte in unterschiedlicher Weise begründeten diversen Wertetableaus (von individualethischer Setzung bis hin zu Begründung aus dem Naturrecht). Dieser Gedanke von Troeltsch ist bis heute ein wertvoller Ansatz christlicher Ethik, der vor jedweden Absolutierungen in welcher Form auch immer, schützt.


Der Pionier
Georg Wünsch (1887–1964) ist es, der im Jahr 1927 erstmals einen systematischen Entwurf einer protestantisch-theologisch motivierten Wirtschaftsethik vorlegt, die den programmatischen Titel "Evangelische Wirtschaftsethik" trägt. Wünsch steht in der Tradition des Kulturprotestantismus und kann so der Selbständigkeit der ökonomischen Disziplinen – und damit quasi auch der Säkularisierung – als positive Hinwendung des Menschen zur Welt deuten. Doch gibt es für Wünsch zugleich Grenzen im Blick auf eine zunehmende Differenzierung der Wissenschaften und der Disziplinen. Die unterschiedliche Disziplinen könnten sich nicht vollständig von ethischen Themen lösen, so Wünsch. Denn es sei immer der Mensch, der in den verschiedenen Feldern agiert, und so liegt für Wünsch auch im handelnden Menschen der Ansatzpunkt für eine protestantische Wirtschaftsethik. Ethik versteht Wünsch als Handlungstheorie; sie hat die Aufgabe, für die Wirtschaft materielle Wertbestimmungen vorzugeben. Die Wirtschaft habe zwar grundsätzlich eine wichtige Rolle in der Gesellschaft, da sie die Grundlage dafür lege, dass der Mensch die materiellen Bedürfnisse befriedigen kann. Ausgehend davon solle sie gleichwohl die Basis dafür schaffen, dass sich höhere Werte (geistige, religiöse, kulturelle) verwirklichen lassen.
Um diese zu leisten, braucht es nach Wünsch ein differenziertes Verständnis des Wertbegriffs. Wünsch unterteilt: Die (materiellen) Werte, die die Wirtschaft realisiert, seien dienende Werte. Diese Werte seien zwar die wertstärksten, aber nicht die werthöchsten. Werthöchste Werte seien demgegenüber die immateriellen Werte. Sie sind damit Inhalt und Thema der Ethik. Daraus ergibt sich für Wünsch auch eine klare Rangfolge: Nach seiner Meinung müssen Kultur, Ethik und Religion aufgewertet werden, zweitrangig demgegenüber sei die Wirtschaft, weil sie eben nur die materiellen und damit die niederen Bedürfnisse befriedige.
Kann bei einer solchen Verschränkung von Wirtschaft und Ethik noch von einer relativen Eigenständigkeit der beiden Bereiche Wirtschaft und Ethik gesprochen werden, die ja Wünsch an sich als Ausgangslage anerkennen wollte? Wünsch beantwortet die Gretchenfrage der modernen Gesellschaft mit ja, denn Autonomie der Fachbereiche heißt für ihn nicht völlige Unabhängigkeit, sondern nur formale Freiheit des menschlichen Willens. Wirkliche Autonomie gibt es für den Theologen Wünsch nur bei Gott. Das aber heißt: Die Autonomie der Wirtschaft könne nur sekundär sein, weil sie eigentlich von Gott kommt. Damit ist die Autonomie der Wirtschaft theologisch-religiös begrenzt. Gott hat – nach Wünsch – eine Wertordnung gesetzt, in die sich auch die Wirtschaft zu fügen hat.
Idealerweise funktioniert die Gesellschaft nach Wünsch auf Basis einer durch die christliche Ethik begrenzte oder gerahmte Wirtschaft, die nach tatsächlichem Bedarf produziert und nicht neue materielle Bedürfnisse schafft. Ein ferner Ruf für die moderne Zeit.
Seitenweg: Evangelische Impulse zur Neukonzeption einer wirtschaftlichen Nachkriegsordnung
Auch mit Wünsch schaffte es die evangelische Wirtschaftsethik noch immer nicht, in der theologischen wie gesellschaftlichen Debatte ernsthaft wahrgenommen zu werden. Dazu musste noch ein weiteres halbes Jahrhundert vergehen. Gleichwohl muss eine Entwicklung in den Blick genommen werden, bei der wenigstens in Ansätzen evangelisches sozialethisches ‚Know-how’ zum Tragen kam, nämlich bei der auf verschiedenen Ebenen während der Zeit des Nationalsozialismus im Untergrund stattfindenden Neukonzeption einer Wirtschaftsordnung Deutschlands für eine sehnlichst erwünschte Nach-Nazi- und Friedenszeit.
Die Entwicklung des Konzept der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland hat verschiedene Wurzeln: Ein Strang liegt in den nationalökonomischen Debatten aus der Weimarer Zeit, ein weiterer geht auf die vor allem auf die während der Herrschaft der Nationalsozialisten in den Untergrund abgewanderten Freiburger Kreise zurück. Hier waren nicht nur Ökonomen versammelt, sondern in den verschiedenen Freiburger Gruppierungen tummelten sich neben Ökonomen auch Juristen und Theologen. Einer dieser Gruppen ist der so genannte Freiburger-Bonhoeffer-Kreis, der sich von Oktober 1942 bis Januar 1943 immer wieder trifft. Der Name kommt daher, weil Dietrich Bonhoeffer (1906–1945) 1942 im Auftrag der Vorläufigen Leitung der Bekennenden Kirche mit den Freiburger Ökonomen über die Frage diskutierte, wie ein Nachkriegsdeutschland aufgebaut werden könne – die Zeit nach dem Nationalsozialismus war im Blick. Neben Bonhoeffer diskutierten in dieser Gruppe unter anderem Friedrich Delekat (1892–1970), Professor der Theologie, Otto Dibelius (1880–1967), Pfarrer, und Helmut Thielicke (1908–1986) mit, der zu diesem Zeitpunkt Leiter des theologischen Amtes der Württembergischen Landeskirchen in Stuttgart war.
Ergebnis der Diskussionen war die erst später so genannte "Freiburger Denkschrift" (Originaltitel: "Politische Gemeinschaftsordnung. Ein Versuch zur Selbstbesinnung des christlichen Gewissens in den politischen Nöten unserer Zeit" [In der Stunde Null, 1979]). Dieses rund 130 Seiten starke Schriftstück fasst die Überlegungen der Vordenker zusammen und beschreibt im Grunde eine Wirtschaftsordnung, die von der Idee und Ausgestaltung dem Konzept der Sozialen Marktwirtschaft sehr ähnlich ist.
Als einer der protestantischen Väter und wahrscheinlich auch "Erfinder" des Begriffs der Sozialen Marktwirtschaft (groß geschrieben!) – gilt der Wirtschaftswissenschaftler und Soziologe Alfred Müller-Armack (1901–1978). Müller-Armack, von Hause aus Nationalökonom und Konjunkturspezialist führt in der Zeit des Nationalsozialismus‘ intensive religionssoziologische Studien durch. Zwar war er zunächst vom aufkommenden Faschismus in Italien Mitte der 1920er Jahre und anschließend in Deutschland begeistert, wandte sich aber dann, obschon Parteimitglied, von der Nazi-Ideologie ab und war zeitweise sogar Unterstützer der Bekennenden Kirche. Entsprechend wurde er von der Politik aufs wirtschaftspolitische Abstellgleis gestellt und begann in Münster, in breit angelegten, freilich nicht so differenzierten Studien das religionssoziologische Werk Max Webers fortzusetzen. Ausgehend von diesen machte er sich – im losen Kontakt mit manchen Professoren aus den Freiburger Kreisen – auch an Überlegungen, wie eine wirtschaftspolitische Nachkriegsordnung in Deutschland aussehen muss, die die Fehler und damit Gefahren der Vorkriegszeit vermeidet. Ergebnis dieser Überlegungen ist das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft, das er zusammen mit Ludwig Erhard nach dem Krieg in die Umsetzung bringt. Diese Konzeption, die weitgehend freie Marktwirtschaft mit einer soliden Sozialpolitik klug verbindet, fand ihren Ausdruck – freilich nicht zuletzt Dank der Unterstützung durch den amerikanischen Marshall-Plan – nach der ökonomischen Konsolidierung, im vielzitierten Wirtschaftswunder.
Die Soziale Marktwirtschaft nach Müller-Armack ist Sozialhumanismus unter der Bedingung der Freiheit, der nicht allein ökonomischen Kriterien folgt, sondern in dem sich der Mensch in seiner anthropologischen Grundkonstitution – der Offenheit für Geist wie Natur – verwirklichen kann. Müller-Armack integrierte in die Wirtschaftsordnung Grundelemente der beiden zuvor antagonistisch gegenüberstehenden Wirtschaftskonzepte: Der Freiheitsgedanke des Liberalismus und der soziale Gedanke des Sozialismus. Beide Elemente haben nach Müller-Armack ihren Ursprung im christlichen Weltbild.
Müller-Armack greift den Begriff des Wirtschaftsstils aus der Debatte auf und interpretiert ihn neu: Neben der historisch hermeneutischen und damit rekonstruktiven Funktion des Begriffs, die er für seine religionssozilogische Analyse in Anspruch nimmt, weist der dem Stilbegriff zugleich ein antizipatorische leitende Funktion zu und macht den Begriff zu einer ethischen Kategorie.


Der Anbruch des "ethischen Zeitalters"
Lange Zeit bleibt es – trotz solcher gewichtigen Beiträge zur konkreten Ausgestaltung der Wirtschaftsordnung – ruhig, wenn es um die systematische Ausarbeit einer protestantisch-evangelischen Wirtschaftsethik geht. Ein Grund dafür dürfte sein, dass in der deutschen Evangelischen Theologie nach dem Zweiten Weltkrieg lange Zeit Karl Barth (1886–1968) und die so genannte Dialektische Theologie die Diskussion prägte. Barth rückte die Dogmatik in den Vordergrund und sieht Ethik nur in ihrer Ableitung aus der Dogmatik. Damit verlieren ethische Fragen an Bedeutung, Kulturprotestantismus und die konkreten Wechselwirkungen von Theologie, Gesellschaft und Wirtschaft waren eine No-Go-Area.
Erst der Ansatz des Münchner Systematikers Trutz Rendtorff (1931–2016) mit seiner so genannten "ethischen Theologie", (Rendtorff 1990: Bd. 1, 7), erstmals vorgelegt im Jahr 1980, durchbricht die Vorherrschaft der Dogmatik über die Ethik. Rendtorffs Ethik verfolgt – im Anschluss an Ernst Troeltsch – zunächst einen deskriptiven Zugang und setzt bei der unmittelbaren Lebenserfahrung des Subjektes ansetzt. Da es die vielen unterschiedlichen Wertedeutungen sowie die Vielspältigkeit konkurrierender Welt- und Normverständnisse unmöglich machen, eine evangelische Ethik auf eine bestimmte Dogmatik festzulegen, hebt Rendtorff die Bedeutung des Christentums vor allem über die Beschreibung ethischer Grundfragen und -themen hervor. Damit will Rendtorff christliche Ethik anschlussfähig machen an die allgemeine ethische Diskussion und evangelische Ethik davor bewahren, ins Binnenkirchliche abzugleiten. Rendtorff ist einer der wenigen theologischen Ethiker, die in der breiten philosophischen wie wirtschaftlichen Debatte um Ethik ernst genommen wurde, weil er weder mit dem moralischen Zeigefinger noch einer ab- und ausgrenzenden Appellethik die Auseinandersetzung mit den gesellschaftlich relevanten Themen suchte. Rendtorff sieht in der Wirtschaftsform den "ökonomie-immanenten Ort ethischer Verantwortung" (Rendtorff 1990: Bd. 2, 111) und misst für die vielfältigen Interdependenzen im nationalen wie internationalen Handeln der Gerechtigkeit "die Bedeutung eines ethischen Kriteriums für die Rechenschaft über ökonomisches Handeln" (Rendtorff 1990: Bd. 2, 141) zu.
Damit hatte das, leider nur kurz andauernde "ethische Zeitalter" der Theologie begonnen. 1984 legt der Schweizer Theologe (der zunächst Arbeiter war und erst über den zweiten Bildungsweg zur Theologie kam) Arthur Rich (1910–1992) eine systematische Wirtschaftsethik vor. Der Religiöse Sozialismus prägte Arthur Rich schon früh. Zugleich nimmt Rich in modifizierter Form Gedanken und Ideen des Theologen und Philosophen Paul Tillich (1886–1965) auf.
Arthur Rich geht es in seiner zweibändigen Wirtschaftsethik zunächst um die Frage, wie Menschen die drei Grundbeziehungen Ich – Selbst (Individualaspekt), Ich – Du/Ihr (personaler Aspekt) und Ich/Wir – Es, also zu den Institutionen und Systemen, die wieder auf das Individuum zurückwirken (ökologischer Aspekt), verantwortlich gestalten können. Dazu entwickelt Rich zwei Kriterien, die sich konsequent durch seinen Ansatz ziehen und auch die weitere Diskussion um evangelische Wirtschaftsethik bis heute prägen: Das Sachgemäße und das Menschengerechte. Sachgemäß ist etwas, wenn es den Anforderungen des Systems und der damit verbundenen Sachlogik entspricht, menschengerecht weist darauf hin, ob eine Handlung, ein Thema humanverträglich ist. Beide Kriterien müssen immer wieder in Beziehung gesetzt werden, beide haben gleichrangige Bedeutung und sind für eine gelingende Gestaltung des Lebens je gleichwertig zu berücksichtigen. Dass es dabei zu Konflikten kommt, die nach Kompromissen rufen, ist offensichtlich.
Zur Bewertung der Grundordnungen führt Rich die drei paulinischen Grundbegriffe Glaube, Liebe, Hoffnung ein. Diese Trias sei auch – so Rich – Grundlage, an der sich auch die Normen wirtschaftlichen Handelns messen lassen müssen.
Inhaltlich setzt sich Rich auf Basis seiner theoretischen Überlegungen für eine – wohlverstandene – modern-sozialistisch orientierte Marktwirtschaft ein, die eine nachfrageorientierte Wirtschaftsordnung ist.
Gleichwohl: Der Ansatz Richs, bei aller Systematik, bleibt bei aller Öffnung zur Welt der Wirtschaft zu sehr biblischen und theologischen Begriffen und Kriterien verhaftet, als dass er in der allgemeinen Diskussion um Wirtschaftsethik groß wahrgenommen wird.


Übersicht: Aktuelle systematische Beiträge
Immerhin: Rich war es gelungen, ein Feld systematisch zu beackern, das bis dato allenfalls ein Nischendasein führte, eine kleine Nische, die nur wenige wahrgenommen haben. Wieder brauchte es zu einer weiteren, intensiveren Beschäftigung mit dem Thema Wirtschaftsethik Impulse von außen, nämlich aus der nicht-theologischen Wissenschaft, um auch die evangelische Theologie zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit wirtschaftsethischen Fragen zu bewegen. Hinzu kamen oben beschriebene äußere, politische und gesellschaftliche Entwicklungen, die wirtschaftsethischen Beiträgen aus der evangelischen Theologie Auftrieb gaben. Einige Ansätze seien kursorisch erwähnt:
Ulrich Duchrow (geb. 1935), durch sein Engagement beim Lutherischen Weltbund im internationalen Kontext äußerst versiert, zeigt in seinen Publikationen immer wieder die negativen Implikationen des kapitalistischen Systems auf, das vor allem die Nordhalbkugel der Erde prägt, und damit den Süden abhängt. Die Spaltung der Menschheit in eine Welt der Reichen und eine Welt der Armen sei somit die zwangsläufige Folge, die das Wettbewerbsprinzip hervorruft. Duchrows Alternative ist eine Wirtschaftsordnung, die sich an der Nächstenliebe orientiert. Dieses ethische Kriterium leitet Duchrow aus dem Neuen Testament ab. Wichtig ist für Duchrow zudem die so genannte prophetische Einmischung – in seiner Sicht die Hauptaufgabe evangelischer Wirtschaftsethik. Deren Ziel müsse es sein, die aktuelle marktwirtschaftliche Wirtschaftsordnung abzulösen durch ein sozialökologisch orientiertes Wirtschaftssystem, das demokratisch legitimiert, für alle transparent und vor allem partizipatorisch organisiert ist. Wie das im Detail zu organisieren ist, bleibt dabei offen. Insofern überrascht es nicht, dass dieser grundsätzlich systemkritische Ansatz nur in wohlwollenden Kreisen Anklang fand, in der allgemeinen Wirtschaftsethik-Debatte wurde Duchrows Ansatz bestenfalls ignoriert.
Günter Meckenstock (geb. 1948) veröffentlicht im Jahr 1997 einen grundlegenden wirtschaftsethischen Ansatz (Meckenstock 1997). Sein Zugang zu wirtschaftsethischen Fragen ist ein anthropologischer und liegt in der Verknüpfung von individuellen Interesse des Menschen mit der zugleich vorhandenen sozialen Bezogenheit. Als Aufgabe der Wirtschaftsethik sieht es Meckenstock an, dass sie über das christliche Menschenbild, über das christliche Wirklichkeitsverständnis sowie das daraus resultierende gesellschaftliche Idealbild Auskunft geben kann. Entscheidend sind für Meckenstock dabei in wirtschaftlicher Perspektive der Eigentumsschutz, der Schutz der Armen – damit verbunden auch eine grundsätzliche Kritik am Reichtum – sowie das Recht des Menschen auf Arbeit. Für diese wirtschaftlichen Grundbedingungen evangelischer Wirtschaftsethik nennt Meckenstock die drei Kriterien Geschöpflichkeit, Zeitlichkeit und Gemeinschaftlichkeit. Dementsprechend müsse evangelische Wirtschaftsethik steht die Funktion eines Korrektivs übernehmen gegenüber dem Ansatz einer vermeintlichen Eigengesetzlichkeit der Wirtschaft (Meckenstock 1997: 137ff.). Große Aufmerksamkeit erreichte Meckenstock mit diesem stark dogmatisch geprägten Ansatz nicht.
Auch Eilert Herms (geb. 1940) (Herms 2004) hat sich in einigen Beiträgen zu wirtschaftsethischen Fragen geäußert. Herms zentrales Anliegen ist die Vermittlungsfähigkeit zwischen Ökonomie und Ethik. Um dies zu erreichen, setzt auch Herms auf einen anthropologischen Zugang, der sich zugleich auch mit Argumentationsmuster der Institutionenökonomik auseinandersetzt. Herms spricht von einem gereiften Selbstinteresse des Individuums, das als Gegenüber zu dem Argument gesehen werden muss, die Institutionen hätten sich bereits verselbstständigt. Denn diese Verselbständigung setze – so Herms – genau dieses gereifte Selbstinteresse voraus. Diese müsse durch Bildung dahingehend geschärft werden, dass neben dem individuellen Selbstinteresse auch der Blick für das Gemeinwohl geöffnet wird.
Traugott Jähnichen (geb. 1959) will mit seinen Überlegungen zur Wirtschaftsethik (Jähnichen, 2008) das Grundmodell der Sozialen Marktwirtschaft zu einer ökologisch-sozialen Marktwirtschaft weiterentwickeln. Darin sieht er den die grundlegende Möglichkeit, ethische und ökonomische Rationalität miteinander zu vermitteln. Gerade in dieser Vermittlung liege das, was Evangelische Theologie zur Wirtschaftsethik beitragen könne (Jähnichen 2008: 261ff).
Neben diesen monographischen Ansätzen gibt es mittlerweile zur Legion gewordenen Aufsätze und Beiträge evangelischer Theolog*innen zu wirtschaftsethischen Fragen. Exemplarisch erwähnt seien Johannes Fischer (geb. 1947), Ewald Stübinger (geb. 1956), Heinrich Bedford-Strohm (geb. 1960), Peter Dabrock (geb. 1964), Reiner Anselm (geb. 1965) sowie Nils Ole Oermann (geb. 1973) – Letzterer legte mit seinem Buch "Anständig Geld verdienen?" im Jahr 2007 einen interessanten Rundblick zu einer nicht nur protestantisch motivierten Wirtschaftsethik vor. Die oft interessanten Beiträge bleiben gleichwohl meist auf der Ebene eines fernen Rufers aus der Wüste, der in der allgemeinen Debatte um Wirtschaftsethik nicht auf ernsthafte Resonanz stößt und damit in seiner Wirksamkeit weit hinter dem zu vermutenden Impetus zurückbleibt.


Die Wirtschaftsethik der Kirche
Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat sich in verschiedenen Publikationen zu wirtschaftsethischen Fragen – meist in Form von Denkschriften – geäußert, die hier kursorisch durchgegangen werden.
Die Denkschrift von 1962 ("Eigentumsbildung in sozialer Verantwortung") betont, dass alle Menschen gleich sind und beruft sich dabei auf die dem Menschen grundsätzlich zugeeignete Freiheit, die zugleich immer auch Verantwortung bedeute. Das Leben der Menschen im wirtschaftlichen Kontext bedeutet – so die Denkschrift – immer auch leben in Abhängigkeit – und gerade diese gegenseitigen Abhängigkeiten steigerten die Verantwortung des Individuums am Gemeinwohl mitzuarbeiten. Gemeinwohl heißt dabei auch, dass sich alle – Staat, Verbände, Institutionen – um eine gerechte Eigentumsverteilung kümmern sollten, wobei die Verfasser der Denkschrift skeptisch sind gegenüber allzu starken Eingriffen des Staates. Andererseits ist das Bekenntnis zum marktwirtschaftlichen Prinzip eher zögerlich.
In der Denkschrift "Leistung und Wettbewerb" von 1978 fordern die Verfasser, die gesellschaftliche Ordnung kontinuierlich weiterzuentwickeln und zu verbessern. In dieser Denkschrift öffnet sich die EKD dem Leistungs- und Wettbewerbsprinzip (wofür es vor eher politisch links orientierte Kreisen erhebliche Kritik gab) und setzt sich für gleiche Aufstiegschancen ein. Eingriffe seitens des Staates seien nur dann zulässig, wenn die fairen Regeln nicht eingehalten werden. Gleichwohl betont die Denkschrift auch die Ambivalenz von Leistungs- und Wettbewerbsprinzip: Beides müsse immer je instrumentell und nichtverabsolutiert verstanden werden. Gerade mit diesem instrumentellen Verständnis des Wettbewerbsprinzips knüpfen die Verfasser an Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft an, die dem Marktprinzip stets diesen nur instrumentellen (und nicht absoluten) Charakter zugeschrieben hatten. Man müsse, so die Denkschrift, vor allem die ethisch vertretbaren Ziele und Zwecke individueller Leistung je neu in den Vordergrund rücken. Auch der Wachstumsbegriff wird aufgegriffen, gleichwohl nicht nur im wirtschaftlichen Kontext interpretiert, sondern auch auf das soziale Miteinander und die sittlichen Werte bezogen. An diesem Wachstum mitzuwirken, sei Aufgabe der Kirche.
Interessant ist die Denkschrift in der Hinsicht, dass die EKD hier erstmals das Leistungs- und Wettbewerbsprinzip positiv aufnimmt, solange in der Ausübung derer Fairness untereinander und Solidarität miteinander gewährleistet seien.
1991 publiziert die EKD die Denkschrift "Gemeinwohl und Eigennutz". Darin setzen sich die kirchlichen Autoren grundsätzlich mit der Sozialen Marktwirtschaft auseinander. Die EKD bekennt sich zu deren Erfolgen und stellt das Konzept – nachdem sie ihm lange skeptisch gegenüberstand – nun als ein integratives und kompromissstarkes Modell dar. Weil sie demokratietauglich sei und Freiheit zur Nächstenliebe gewähre, sei sie auch aus christlicher Perspektive zu bejahen. Zugleich fordern die Autor*innen, dass die dynamische Weiterentwicklung der Sozialen Marktwirtschaft weiter betrieben wird. Damit zielen die Autoren darauf ab, dass die Soziale Marktwirtschaft kein starres Konzept ist, sondern sich an die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen anpassen muss.
1997 legen die EKD und die Katholische Bischofskonferenz das gemeinsame Wort "Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit" vor (https://www.ekd.de/sozialwort_1997_sozial1.html, zuletzt aufgerufen am 23.05.20). Interessant ist bei diesem Papier vor allem der Entstehungsprozess: Zunächst nämlich hatten die beiden Kirchen einen Entwurf des Papiers in die gesellschaftliche Diskussion gegeben und in einem Konsultationsprozess um breite Rückmeldung geworben. Diese kam auch und löste, auch in Wirtschaftskreisen eine durchaus ernst zu nehmende Debatte um wirtschaftsethische Fragen aus, zu denen auch die Kirchen Impulse geben könne. Die verschiedenen Beiträge aus dieser Debatte wurden gesammelt und ausgewertet und erst dann das finale Papier veröffentlicht. Ein Coup, der den Kirchen große Aufmerksamkeit in der wirtschaftsethischen Debatte einbrachte – auf einmal waren die Kirchen auch für Vertreter*innen der Wirtschaft ernstzunehmende Gesprächspartner auf Augenhöhe, die nicht nur mit dem moralischen Zeigefinger daherkommen. Bedauerlich, dass diese Form des gesellschaftlichen Diskurses seitens der Kirche nicht Schule gemacht hat.
In dem finalen Papier sehen sich die Kirchen als Vertreterinnen der Vernunft gegenüber Bestrebungen, einen der zwei Pfeiler der Sozialen Marktwirtschaft (Wettbewerbs- und Sozialprinzip) einseitig zu belasten. Auch in diesem Papier fordern die Verfasser*innen wieder, dass sich die Soziale Marktwirtschaft – in Aufnahme des Müller-Armackschen Diktums vom "dynamischen Charakter der Sozialen Marktwirtschaft" – stets weiterentwickeln muss, insbesondere im Blick auf das weltweite Wirtschaften. Auch die ökologische Perspektive bekommt mehr Prominenz, war doch seit der Rio-Deklaration von 1992 der Begriff Nachhaltigkeit in den Vordergrund gerückt.
Die Bekämpfung der Armut ist Thema der EKD-Denkschrift "Gerechte Teilhabe. Befähigung zu Eigenverantwortung und Solidarität" von 2006 (https://www.ekd.de/denkschrift_gerechte_teilhabe.htm, zuletzt aufgerufen am 25.05.20). Die Autoren tragen hier in kritischer Sicht der Entwicklung Rechnung, dass sich im Zuge der in den 1990er und 2000er Jahren Fahrt aufnehmenden Globalisierung die wirtschaftspolitischen Schwerpunkte auch in Deutschland verschoben hatten. Verteilungsgerechtigkeit müsse neu definiert werden, der Staat müsse sich aktiver in das wirtschaftliche Geschehen einmischen, um für Bürger*innen gleiche Bildungsmöglichkeiten offen zu halten. Es solle garantiert werden, dass die Menschen in einer Gesellschaft sich mit ihren unterschiedlichen Begabungen und Talenten in die Gemeinschaft einbringen können. Um das zu erreichen müssten Wirtschafts- und Sozialpolitik wieder enger verzahnt werden. Es wird sogar der Gedanke, Sozialsysteme über Steuern (statt über Lohnbeschäftigung) zu finanzieren, positiv aufgenommen. Aufgabe von Christinnen und Christen, so die Denkschrift schließlich, sei es, sich gegen Armut und für mehr Verteilungsgerechtigkeit einzusetzen. Wie so viele Denkschriften vorher, bleibt auch diese stark auf der Appellebene und verschwindet, von der Öffentlichkeit kaum bemerkt, alsbald in den Bücherregalen kirchlich interessierter Kreise.
Etwas mehr Aufmerksamkeit erreichte die 2008 erschienene, durchaus umstrittenen Denkschrift "Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive" (https://www.ekd.de/unternehmerisches_handeln.htm, zuletzt aufgerufen am 23.05.20). Darin starten die Verfasser*innen den Versuch, die kirchliche Position gegenüber Wirtschaft und Unternehmen neu zu definieren. So würdigen die Autor*innen wirtschaftliches Handeln, insbesondere der Unternehmerinnen und Unternehmer für Innovation, Wertschöpfung und Gemeinwohl. Mit Rekurs auf die theologisch reklamierte Freiheit des Menschen würde auch der christliche Glaube dazu beitragen, dass sich unternehmerisches Handeln entwickeln kann. Das Miteinander von Unternehmer*innen und Arbeitnehmer*innen wird in der Denkschrift betont, zudem mahnen die Autor*innen, Arbeitsplätze zu schaffen und zu erhalten. Mitbestimmung und Mitverantwortung seien wichtige Faktoren im wirtschaftlichen Miteinander. Auch auf Fragen des Kapitalmarktes gehen die Autor*innen ein und fordern Transparenz, verstärkte staatliche Kontrolle sowie eine engagierte Selbstverpflichtung der Wirtschaftssubjekte. An manchen Stellen lehnen sich die Autor*innen weit aus dem Fenster: So gibt es in der Denkschrift einige Passagen, in denen die Autoren für einen weitgehenden Rückzug des Staates aus der Wirtschaft plädieren (EKD 2008, 52f). Rasch kam die Kritik, die EKD würde hier einem wirtschaftlichen Liberalismus das Wort reden (vgl. Duchrow 2008).
Die Kritik blieb nicht unerhört: Angesichts der Verwerfungen durch die Finanzkrise publizierte die EKD ein Jahr später zwar nicht eine erneute Denkschrift, so aber doch ein "Wort des Rates der EKD" mit dem dramatischen Titel "Wie ein Riss in einer hohen Mauer" (https://www.ekd.de/ekdtext_100.htm, zuletzt aufgerufen am 23.05.20). Eigene Fehleinschätzungen wirtschaftspolitischer Entwicklungen werden zerknirscht eingeräumt. In pathetischer Sprache kritisieren die Autoren darin das kapital- und finanzorientierte Wirtschaftssystem. Erneut rufen sie nach einer Neuausrichtung der Sozialen Marktwirtschaft. Außerhalb kirchlicher Kreise fand dieses Wort kaum Beachtung.


c. Nichttheologische Ansätze

Für die folgende kurze Darstellung einiger nichttheologischer Ansätze der Wirtschaftsethik wird die Unterscheidung von Georges Enderle in Mikro-, Meso- und Makroebene zu Grunde gelegt.


Mikroebene: Perspektive Individuum
Der Schweizer Peter Ulrich (geb. 1948), Direktor des 1989 gegründeten Instituts für Wirtschaftsethik an der Hochschule St. Gallen/Schweiz, stützt sich in seiner wirtschaftsethischen Konzeption auf die Diskursethik von Jürgen Habermas (geb. 1929) und Karl-Otto Apel (1922–2017). Ulrich setzt damit – schematisiert man grob – zunächst beim individuellen Verhalten an. Ulrich bemüht sich, das Handeln der Führungskraft wie des Unternehmens in der Wirtschaft auf ethisch-vernünftige Grundsätze zu stellen, ganz in Anlehnung an einen positiv rezipierten Kantianismus. Zunächst fragt Ulrich, was denn die ökonomische Rationalität (also die handlungsleitenden Prinzipien) mit der ethischen Rationalität verbindet. Ulrich geht es nicht darum, die handlungsleitenden Prinzipien der Wirtschaft gegen die handlungsleitenden Prinzipien von Ethik auszuspielen. Vielmehr ist Ulrich bemüht, den Vermittlungs- bzw. Anknüpfungspunkt für beide Seiten zu finden. Er bemüht sich also um eine Integration beider handlungsleitender Prinzipien. Deswegen wird Ulrichs Ansatz auch integrative Wirtschafts- und Unternehmensethik genannt.
Die Integration vollzieht Ulrich so, dass er die handlungsleitenden Prinzipien von Wirtschaft und Ethik in ein Hierarchieverhältnis bringt. Genau betrachtet ist also Ulrichs Ansatz mehr Hierarchisierung, nicht wirkliche Integration. An oberster Stelle steht das Handeln nach kommunikativ-ethischen Leitprinzipien, die auch ökonomische Handlungsprinzipien in sich aufnehmen. Das heißt: Eine rein wirtschaftlich geprägte Sichtweise muss mit ethischen Gedanken angereichert werden. Konkret: Eine Führungskraft soll neben den wirtschaftlichen Regeln gleichzeitig immer die ethisch-kommunikativen Ziele vor Augen haben. Unternehmen sollen nach Ulrich ihre gesellschaftliche Mitverantwortung aktiv wahrnehmen. Ulrich will eine republikanische Wirtschafts- und Unternehmensethik (republikanisch von lat. res publica = öffentliche Sache). Das heißt: Jedes Unternehmen hat als gesellschaftliche Institution nach außen hin eine öffentliche Mitverantwortung. Unternehmensintern fordert Ulrich einen kommunikativen und partizipativen Führungsstil im Unternehmen. Mitarbeitende sollen an Entscheidungsprozessen teilnehmen.
Ulrichs Bemühen geht dahin, die Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit so gering wie möglich zu halten. Er appelliert an die Vernunft der Wirtschaftsbürger*innen sowie an die Vernunft der Unternehmen, keine Trittbrettfahrerhaltung einzunehmen. Unter Wirtschaftsbürger*innen versteht Ulrich autonome Subjekte, die zum gleichberechtigten, öffentlichen Dialog in einer freien Bürgergesellschaft fähig sind. Diese vernünftige Freiheit der Subjekte steht nach Ulrich über der Ökonomie.
Für die Wirtschaftsethik sieht Ulrich drei Orte: In der Wirtschaftsbürger*innenethik, in der Ordnungsethik und in der Unternehmensethik. Seine Ethik für eine freie Bürger*innengesellschaft verlässt den Raum reiner Wirtschaftsethik und nähert sich dem Bereich der politischen Ethik. Die Wirtschaftsbürger*innenethik zeichnet sich nach Ulrich durch die zeitgenössischen Bürgerrechte, durch Bürger*innensinn, d.h. die praktizierte Mitverantwortung der Bürger*innen, die nicht zwischen privatem und öffentlichem Leben trennen, sowie durch eine Zivilisierung des Marktes aus. Letztere Kennzeichen der Ulrichschen Wirtschaftsbürgerethik sind als Postulate, nicht als faktische Zustandsbeschreibungen zu verstehen.
Der emeritierte Erlanger Professor für Betriebswirtschaftslehre und Unternehmensführung Horst Steinmann (geb. 1936), erster Vorsitzender des Deutschen Netzwerks Wirtschaftsethik (DNWE), vertritt einen ähnlichen Ansatz wie Peter Ulrich, allerdings mit einigen Modifikationen. Auch bei Steinmann taucht der Begriff republikanische Unternehmensethik auf. Steinmann geht in seinem unternehmensethischen Ansatz davon aus, dass das wohlverstandene Gewinnprinzip in Wirtschaftssystemen allgemein anerkannt sei. Also müsse auch eine Wirtschaftsethik dieses Gewinnprinzip als Funktionsmechanismus der Wirtschaft anerkennen. Damit ist nach Steinmann klar, dass man bei Wirtschaftsethik nicht mehr nach den Motiven der Akteure fragen braucht: Wird das Gewinnprinzip als Funktionsmechanismus anerkannt, ist das Motiv, die Intention der in der Wirtschaft Agierenden hinreichend geklärt, denn sie wollen Gewinn machen.
Worauf hat dann Ethik zu achten? Steinmann fordert, dass sich Unternehmensethik vor allem auf die Folgen der Handlungen von Führungskräften und Unternehmen konzentrieren soll. Also lautet vereinfacht die Grundsatzfrage der Unternehmensethik in der Steinmannschen Interpretation: Was kommt dabei heraus, wenn ein Unternehmen – geleitet durch das Gewinnprinzip – im gesellschaftlichen Raum handelt? Steinmann möchte erreichen, dass alle Handlungen innerhalb einer Gesellschaft friedlich koordinierbar sind. Die Orientierung an der Idee des Friedens ist bei Steinmann grundlegend. Diese friedliche Koordination der Handlungen, die langfristig zu einem guten Ergebnis für alle führen soll, kann aber nach Steinmann nicht nur über die Rahmenordnung – konkret: den Staat, Gesetzgeber – erfolgen, sondern müsse zugleich von den Unternehmen kommen. Auch in Unternehmen könne und müsse mithin Moral angesiedelt werden. Unternehmen seien nicht nur dazu angehalten, sich an die bestehenden Gesetze zu halten, sondern müssen nach Steinmann auch ihr Handeln nach innen wie nach außen an dem Friedensgrundsatz ausrichten. Die Strategien und Handlungen der Unternehmen müssen öffentlich, gesellschaftlich konsensfähig sein. Deswegen ist auch bei Steinmann von einem republikanischen Ansatz zu sprechen.
Das Ziel der Unternehmensethik Steinmanns ist, dass die Unternehmen von dem erwirtschafteten Gewinn auch sozialverträglichen Gebrauch machen. In Konfliktfällen, wenn also wirtschaftliches Handeln mit ethischen Maßstäben oder der öffentlichen Meinung kollidiert, ordnet Steinmann über diesen Konflikt das grundlegend über allem stehende Friedensprinzip. Normalerweise bedürfe es einer solchen Regelung des unternehmerischen Handelns durch das Friedensprinzip nicht, denn im Normalfall handeln Unternehmen nach dem Gewinnprinzip, das ja vorab als legitimiert bestimmt wurde. Nur im Konfliktfall, wenn etwa die Folgen einer Handlung zu negativen externen Effekten führen, bedarf es nach Steinmann dieses Korrektivs durch das Friedensprinzip. Um also solche sozialverträglichen Strategien für ein Unternehmen zu entwickeln, müssen Unternehmen auch intern kommunikativ arbeiten, und einseitige Kommunikationsstrukturen zugunsten eines Dialoges aufbrechen.


Mesoebene: Perspektive Unternehmen
Der Schweizer Georges Enderle, der derzeit in den USA lehrt, ist vor allem dadurch bekannt geworden, dass er zwischen Mikro-, Meso- und Makroebene der Wirtschaftsethik unterscheidet. Die Mikroebene bezeichnet das Handlungsfeld des Individuums (Manager*in, Unternehmer*in), die Mesoebene die der Institution (Unternehmen) und die Makroebene, die des Systems (wirtschaftliche Rahmenordnung). Enderle sieht, dass die Ökonomie alleine nicht zum gewünschten Zustand des Wohles aller führt. Das macht für ihn Ethik notwendig. Ethik ist nach Enderle auf allen drei Ebenen möglich und nötig; sie dürfe sich aber nicht mit der reinen Beschreibung der Problemstellungen begnügen, sondern müsse sich auch normativ in das Wirtschaftsgeschehen einschalten.
Auch Enderle will das Verständnis von Ethik und das Verständnis von Ökonomie näher aneinander bringen, bis hin zur Integration. Allerdings geschieht dies bei Enderle weniger auf der theoretischen Ebene, als vielmehr in praxisorientierten, anwendungsbezogenen Fragen. In seinen Veröffentlichungen konzentriert sich Enderle insbesondere auf das moralische Verhalten der Unternehmen, ist also – nach der hier eingeführten Unterscheidung – ein klassischer Vertreter der Unternehmensethik.
Josef Wieland (geb. 1951) aus Konstanz konzentriert sich in seinem Ansatz ebenfalls auf die Unternehmensethik, aber mit einer anderen Richtung: Er wendet sich dagegen, wirtschaftliche Zusammenhänge wieder in die Ethik einzubeziehen. Zugleich aber sieht auch Wieland die Notwendigkeit von Ethik, weil die externen Effekte des Wirtschaftens nicht überall nur positiver Natur sind. Wieland versucht eine Ethik zu entwickeln, die sich nicht gegen die Wirtschaft entwickelt, sondern die sich als anschlussfähig erweist. Er möchte deutlich machen, dass Moral durchaus auch ökonomisch positive Effekte mit sich bringen kann. So senkt zum Beispiel moralisches Verhalten und Vertrauen die Transaktionskosten. Den Ort für Ethik in der Wirtschaft sieht Wieland vor allem in den Unternehmen. Für Unternehmen nämlich schafft Ethik nach Wieland zusätzliche Handlungsmöglichkeiten. Wie sich – so Wieland – mittlerweile in Amerika zeigt, wird dort Ethik nicht als eine Einschränkung, sondern als wichtiger Bestandteil firmeninternen Managements eingesetzt, ist zum integralen Bestandteil unternehmerischen Handelns geworden. Dieses Ziel gilt es nach Wieland, auch in Europa zu erreichen. Neuerdings konzentriert sich Wieland darauf, in Unternehmen sogenannten Ethik-Management-Systeme einzuführen, wie es bereits erfolgreich bei der bayerischen Bauwirtschaft praktiziert wurde.


Makroebene: Perspektive System
Einer der frühesten Vertreter wirtschaftsethischer Gedanken auf Basis der Systemebene ist der Konzeptor der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland, Alfred Müller-Armack (1901 bis 1978). Müller-Armack, im Jahre 1925 einer der jüngsten Privatdozenten Deutschlands, versucht in seiner sozioökonomischen Theorie einer Sozialen Marktwirtschaft, Elemente von Ethik mit Elementen der Wirtschaft zu verbinden. Deswegen trägt seine Konzeption auch den von ihm erfundenen Begriff: Soziale Marktwirtschaft. Was heißt das?
Für Müller-Armack muss das Markt- und Wettbewerbsprinzip, also das Wechselspiel von Angebot und Nachfrage, inneres Funktionssystem einer wirtschaftlichen Ordnung sein. Zugleich sieht Müller-Armack, dass der Wettbewerb alleine nicht genügt, da durch ihn Ungerechtigkeit und Ungleichgewichte entstehen können. Denn der Wettbewerb ist nur für die gerecht, die an ihm teilnehmen können. Andere, die nicht an ihm teilnehmen können, etwa die Jugend, Ältere, Arbeitslose oder die nächsten Generationen, bleiben mit ihren Interessen außen vor. Deswegen muss der Wettbewerb in eine Rahmenordnung eingebunden werden, die soziale Elemente in sich aufnimmt, und damit dem reinen Wettbewerbsprinzip ein gleichberechtigtes Pendant bildet. Erst in diesem Wechselspiel von staatlich vollzogener und getragener Sozialpolitik und individuell gestaltetem, in eine Rahmenordnung eingebrachtem Wettbewerb, kann sich nach Müller-Armack eine gerechte Wirtschaftsordnung entwickeln.
Unternehmensethik als eigenständiger Bereich ist deshalb für Müller-Armack nicht von Bedeutung, da diese bereits in der Rahmenordnung integriert ist. Unternehmensperformance und -politik kann – in einer sozial geregelten Marktwirtschaft – nur nach den Werten und Zielen der Sozialen Marktwirtschaft ausgerichtet sein. Müller-Armacks Ansatz ist also systembezogen, wenngleich er der Überzeugung ist, dass es nur in einem Zusammenwirken von individuellem Stil und dem Stil eines Unternehmens zu einem umfassenden Wirtschaftsstil kommen kann, der für alle ausgleichend Freiheit und Gerechtigkeit sichert.
Der Volkswirtschaftler und Philosoph Karl Homann (geb. 1943), der in Ingolstadt den ersten Lehrstuhl für Wirtschafts- und Unternehmensethik in Deutschland besetzt hatte, richtet seinen wirtschaftsethischen Ansatz stark ökonomisch aus. Das heißt: Homann versucht, Ethik auf die Ökonomie aufzubauen, die Moral aus der Wirtschaft zu rekonstruieren. Zunächst wirft Homann dabei einen Blick auf den Bereich (Subsystem) Wirtschaft. Was ist das eigentliche Element und das eigentliche Problem der Wirtschaft? Homann sieht das im sogenannten Gefangenendilemma.
Kerngedanke des Gefangenendilemmas ist die These, dass zwei Individuen nicht das Handeln realisieren können, das für beide wünschenswert ist, obwohl es eigentlich vom Grundgedanken her möglich sein müsste: Alle Anbieter auf dem wettbewerblich geprägten Markt haben das Interesse, ihre Produkte zu möglichst hohen Preisen zu verkaufen, um Umsatz und Gewinn zu steigern. Dies wäre auf Seiten der Anbieter die optimale Lösung. Eine gemeinsame Absprache (Kartellbildung) ist aber gerichtlich verboten. Im Markt eröffnet sich immer die Möglichkeit für den einzelnen Anbieter, die hohen Preise der Gemeinschaft durch individuelle Preise weit zu unterbieten und sich dadurch – wenigstens vorübergehend – einen Marktvorteil zu schaffen.
Es bringt nun auch nichts, so Homann, mit moralischen Appellen an die Agierenden in der Wirtschaft zu treten, da dies nur dazu führen würde, dass unter Umständen der- oder diejenige, der oder die auf diese moralischen Appelle positiv reagiert, sich im Wettbewerb Nachteile verschafft. Außerdem würden die meisten Appelle – auch wenn sie rational einsichtig sind – von Einzelnen oft nicht ernst genommen werden. Ein von Homann häufig genanntes Beispiel ist der Benzinpreis, auch wenn er, wie er betont, nicht für eine solche Maßnahme ist: Eigentlich ist es allgemein anerkannt, dass viel Autofahren der Umwelt schadet und wir damit auch langfristig das Überleben des Planeten gefährden. Individuelle Appelle an die Autofahrer bringen nach Meinung Homanns systematisch nichts; erst wenn der Benzinpreis staatlicherseits hochgesetzt wird, würde das Individuum sein Verhalten ändern. Dabei handelt das Individuum wiederum aus Vorteils- und wohlverstandenen Eigennutzkalkülen: Wenn der Benzinpreis hoch ist, wird es schnell im Geldbeutel spürbar, wenn viel gefahren wird. Um den Eigennutz zu verfolgen, also in besagtem Beispiel den eigenen Geldbeutel zu schonen, wird sich das Individuum jede Autofahrt überlegen.
Wie ist aber dann ethisches Verhalten nach Homann in die Wirtschaft einbringbar? Moral und Ethik müssen nach Homanns Meinung weg von den individuellen Handlungsmotiven hin zu einer Ebene gebracht werden, die das Handeln von außen steuert, also in die Rahmenordnung der Wirtschaft. "Kein Gesinnungswandel ohne Bedingungswandel", ist ein häufig zitierter Satz Homanns.
Homann vollzieht damit die sogenannte institutionentheoretische Wende in der Wirtschaftsethik. Wirtschaftsethik wird nicht nach dem individuellen Verhalten des Individuums ausgerichtet (Tugendethik), sondern wird weitgehend auf die rahmengebende Institution verlagert.
Es geht aber Homann nicht darum, Moral und Wirtschaft, Ethik und Ökonomie gegeneinander auszurichten, sondern nach seiner Meinung müssen sie in ein ganz nahes Verhältnis zueinander gebracht werden. Dies könne nur dann gelingen, wenn klassische ökonomische Begriffe von allen monetären Nebengedanken befreit werden. Je weiter Begriffe wie Kosten und Nutzen gefasst werden, desto eher seien sie kompatibel mit moralischen Ansprüchen.
Wird Moral in der Rahmenordnung verankert (das heißt konkret in Gesetzen, Anreizsystem, Verordnungen), dann komme es auch dem Gesamtnutzen der Wirtschaft und der Gesellschaft zugute. Homann vergleicht sein System mit einem Fußballspiel: Ein Fußballspiel braucht Regeln, damit es funktionieren kann. Ohne Regeln gäbe es kein funktionierendes Spiel. Innerhalb dieser Regeln aber kann jede Mannschaft ihre Spielzüge frei gestalten. Die Rolle des Schiedsrichters, also desjenigen, der auf die Einhaltung der Regeln achtet, müsse in der Gesellschaft der Staat in seiner gesetzgeberischen und anreizschaffenden Kompetenz übernehmen. Beide Elemente sind Homann wichtig. Es geht ihm also nicht darum, nur restriktiv über Gesetze die Wirtschaft zu regeln, sondern auch positiv über Anreizsysteme.
Moral soll nach Homann nicht als Einschränkung des wirtschaftlichen Handelns, sondern zuallererst als Ermöglichung dienen. Wenn sich nämlich alle – bei entsprechenden Spielregeln – im guten Sinne nach Wettbewerbsvorstellungen verhalten würden, führt dies nach Homann auch zu einer allgemeinen Steigerung des Wohlstandes. Auf Basis der Rahmenordnung (Regeln, Institutionen und Bedingungen eines sozialen Gefüges), muss Ethik nach Homann als Bedingungsethik (Ordnungsethik, Institutionenethik) formuliert werden.
Damit ist klar, welchen Spielraum Homann der Unternehmensethik einräumt: Unternehmen können und sollen dort moralisch handeln, wo die Rahmenordnung Defizite aufweist. Eine Rahmenordnung kann nicht alle Bereiche des Handelns abdecken. In diesen Bereichen, in denen die Reglementierung durch die Rahmenordnung nicht greift, ist nach Homann eine eigenständige Unternehmensethik möglich. Ethik bezieht sich aber nun nicht mehr auf die Bedingungen, sondern auf die Handlungen. Hier müsse Ethik als Anreizethik formuliert werden. Die Unternehmen müssen von der Gesellschaft mit ins ethische Boot genommen werden, es müssen Anreizsysteme geschaffen werden, dass die Unternehmen in den Lücken der Gesetze eigenständig ethisches Gedankengut verwirklichen. Dies könne in Form von Kodizes oder Selbstverpflichtungen geschehen, denen Homann eine nicht zu unterschätzende Bedeutung beimisst. Allerdings – und das ist nach Homann noch einmal zu betonen – nur in den Bereichen, wo die Rahmenordnung Defizite aufweist. In den anderen Fällen werden ethische Fragen des Unternehmens in der Rahmenordnung mitabgedeckt.

a. Grundsatzfragen

Die Debatte um Wirtschaftsethik muss auf der theoretischen Ebene die analytische Differenzierung der Systeme in ihrer Ausgangsdiskussion zur Kenntnis nehmen und zu einer gleichberechtigten Integration bringen, andernfalls gerät sie in Gefahr, die eine Rationalität der anderen zu oktroyieren. Das würde entweder zu einer Funktionalisierung der Moral zu Gunsten der Ökonomie oder zum Moralismus führen. Zugleich muss sie die praktischen Anforderungen der in der Wirtschaft agierenden Menschen, die nach Orientierung in diesem Handeln fragen, Rechnung tragen. Zur Lösung dieser doppelten Aufgabenstellung kann ein anthropologischer Ansatz gewählt werden, da das Individuum an mehreren Kultursachbereichen Anteil hat und sie gestaltet. Ein solcher Ansatz gelingt dann, wenn Wirtschaftsethik als Stilfrage formuliert wird. Dabei muss Ziel sein, ausgehend vom Individuum nach dem für alle wünschenswerten Lebensstil zu fragen, der die Bereiche der Ökonomie, der Ethik wie anderer öffentlicher und privater Bereiche einschließt. Kriterien hierfür wären die menschliche Vernunft auf Basis eines wohlverstandenen Kategorischen Imperativs Kantischer Prägung, als einer rationalen Interpretation des christlichen Doppelgebots der Liebe und des für viele Religionen bindende Gebot der Nächstenliebe.
Auf Basis des Stilbegriffs ist es möglich, einen antizipierten, wohlgelingenden Lebensstil als sozioökonomischen Imperativ für die Gegenwart zu formulieren und an seiner Ausgestaltung zu arbeiten. Konkret kann das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft als Wirtschafts- und Gesellschaftsstil der Moderne formuliert werden. Müller-Armack beschrieb die Soziale Marktwirtschaft als ein immer der "Gestaltung ausharrender Stilgedanke", der damit zum Thema der Ethik wird. Das Stilkonzept bewahrt die Eigendynamik (nicht: Eigengesetzlichkeit) der Kultursachbereiche und schließt die unterschiedlichen Adressatenebenen (individueller Lebensstil, institutioneller Unternehmensstil, systemischer Wirtschaftsstil) in gleichberechtigter Form ein. Als zukünftige Herausforderung gilt insbesondere für die praktische Wirtschaftsethik, Antworten auf die sich durch die internationalen Herausforderungen ergebenden Fragen konkrete Antworten zu finden, die über die Appellebene hinausgeht.
Der Stilbegriff, wie er von Müller-Armack neu gedeutet wurde, macht es möglich, die in der allgemeinen Diskussion mittlerweile als selbstverständlich verstandene Differenzierung in Individualebene ("Führungsstil"), Institutionenebene ("Charakter eines Unternehmens") wie Systemebene ("Wirtschaftsstil") aufzugreifen und dabei, auf Basis einer wohl verstandenen evangelischen Anthropologie, die sich der Freiheit, aber auch der Begrenztheit menschlichen Dasein bewusst wird, aufzunehmen. Zugleich bietet der Stilbegriff in einer antizipatorischen Funktion, eine spezifisch evangelische Kategorie, gelingendes Leben in seiner Vielschichtigkeit als sozioökonomischen Imperativ zu formulieren.


b. Die großen wirtschaftsethischen Themen

Die ökonomische Globalisierung verlangt die Klärung der Rolle der Wirtschaftsethik in diesem Prozess, insbesondere im Blick auf die internationalen Finanzmärkte und die globale Klimakrise. Dabei könnten gerade bei der Klimathematik ökonomisch Mechanismen, so sie denn seriös angewendet werden, eine klimapositive Wirkung haben. Darüber hinaus stehen Fragen der Gleichberechtigung, der Inkulturation, der Kulturvermischung, des interreligiösen Dialoges, aber auch Fragen von internationalen Sozialstandards und der Unterdrückung von Minderheiten sowie der Entwicklungs- und Entschuldungspolitik auf der Tagesordnung. Um dabei die Appellebene zu verlassen, erscheint es nötig, zunehmend mit gesetzlichen und organisatorischen Regeln auf internationaler Ebene die negativen, mittlerweile für viele Menschen lebensbedrohlichen Effekte menschlichen Wirtschaftens wenn nicht einzustellen, so doch einzudämmen.
Hier stellt sich gleichwohl die Frage, ob es überhaupt noch Kontrollmöglichkeiten für wirtschaftliches Handeln gibt. Den Nationalstaaten ist diese Rolle abhanden gekommen, sie sind mittlerweile längst Teil des großen Spiels, wenn Firmen mit dem Lockmittel niedriger Steuern oder Standortvorteile angelockt werden. Auch die Staaten stehen im wirtschaftlichen Wettbewerb und haben somit ihre Kontrollfunktion quasi verwirkt.
Bleiben die supranationalen Organisationen, die aber derzeit durch (auch wirtschaftlich motivierte) Nationalismen der Mitgliedsstaaten gelähmt werden, sei es auf europäischer, sei es auf internationaler Ebene.
Dabei steht derzeit alles auf dem Spiel.


c. Konkretionen

In der Praxis lassen sich – ausgehend von den drei Ebenen Mikro, Meso, Makro – für die Wirtschaftsethik aktuell beispielhaft folgende praktische Themen auflisten:
Mikro-Ebene: Individuum
Führung:

  • Welche Werte sind für mich als Führungskraft leitend?
  • Wie schaffe ich mitarbeiter*innen-gerechte Führung?
  • Welche Werthaltungen bringe ich als Mitarbeiter*in in eine Organisation ein?
  • Wie verhalte ich mich als Mitarbeiter*in in einer Organisation?
  • etc.
     

Konsumentenethik

  • Wie verhalte ich mich als Konsument*in in einer Überflussgesellschaft auf der Nordhalbkugel angesichts der gegenteiligen Situation auf der Südhalbkugel?
  • Welche Produkte kaufe ich – was kann ich mir leisten?
  • Welches Konsumverhalten lege ich grundsätzlich an den Tag?
  • Wie organisiere ich meinen persönlichen Ressourcenverbrauch angesichts des Klimawandels, auf was bin ich bereit zu verzichten, wo bin ich bereit, mehr zu zahlen – wenn ich es mir leisten kann?
  • etc.
     

Meso-Ebene: Unternehmen
Organisationskultur

  • Welche Leitlinien, welche Werte sollen in der Organisation gelten?
  • Wie ist der Umgang miteinander?
  • Welche Entwicklungsmöglichkeiten bietet die Organisation ihren Mitarbeiter*innen?
  • etc.


Geschäftsgebaren

  • Wie geht die Organisation um mit Bestechung und Bestechlichkeit?
  • Wie ist das Verhältnis von Compliance- und Integrity-Management?
  • Welche Preispolitik betreibt das Unternehmen?
  • Wie werden welche Produkte produziert, wie sieht die Lieferkette aus?
  • etc.
     

Makro-Ebene: System
Klimawandel/Nachhaltigkeit

  • Welche Rolle spielen internationale und nationale (Selbst-)Verpflichtungen? Welche Sanktionsmöglichkeiten werden bei Verstößen eingeräumt?
  • Welche Rolle spielen künftig Wettbewerbsinstrumente, um mehr klimafreundliches Unternehmensverhalten anzureizen?
  • Wie weit sollen staatlichen/regulierenden Maßnahmen gesetzt werden?
  • Wie kann umweltfreundliches Konsumentenverhalten angereizt werden?
  • etc.
     

Globale Märkte

  • Welche Abhängigkeiten schaffen globale Lieferketten (Stichwort: Covid-19-Krise)?
  • Welche weltweiten Ungerechtigkeiten werden durch globale Lieferketten befördert (Stichwort: Kinderarbeit, Lohndumping etc.), welche vielleicht sogar zum Teil vermindert?
  • Welche Kontrollmöglichkeiten gibt es (noch) über internationale Finanzmärkte?
  • Welche Auswirkungen hat der globale Handel auf die Umwelt/das Klima?
  • etc.
     

Steuergebaren

  • Werden Steuern zur Regelung wirtschaftsethischer Fragen eingesetzt (Klima, Generationengerechtigkeit, Sozialsysteme etc.)?
  • Kann über Steuersysteme mehr Verteilungsgerechtigkeit erreicht werden?
  • Sind Steuern vernünftige Instrumente, um die internationalen Finanzmärkte stärker zu kontrollieren (Stichwort: Transaktionssteuer)?
  • etc.
     

Rolle der Staaten

  • Inwieweit engagieren sich Staaten selbst im internationalen Wirtschaftsmarkt (Stichwort Steueranreize für Unternehmen etc.)?
  • Welche Souveränitäten werden im Zuge der Globalisierung freiwillig/bewusst/unbewusst abgegeben?
  • etc.


c. Die Rolle evangelischer Wirtschaftsethik und der Kirche

Evangelische Ethik, die sich auf die Rechtfertigung des Menschen durch Gott und die dadurch erwirkte Freiheit des Menschen bezieht, muss sich der Verantwortung in der Welt stellen. Grundanforderung an evangelische Wirtschaftsethik bleibt, sich auf Kernprobleme wirtschaftlichen Handelns und ökonomischer Zusammenhänge einzulassen, um aus einer profunden Kenntnis der Sachzusammenhänge ethische Implikationen anzuzeigen. Impulse auf der Appellebene, die zudem ökonomische Fachkenntnis vermissen lassen, erzielen keine Wirkung.

Den Kirchen könnte dabei durchaus eine noch öffentlichkeitswirksamere Rolle zukommen: Warum nicht einen Konsultationsprozess, wie er in den 1990er Jahren in Deutschland durchgeführt wurde, auf internationaler Ebene anstoßen? Warum nicht Initiativen der UN, wie etwa den Global Compact oder andere zahlreiche Initiativen medienwirksam unterstützen? Das freilich setzt auch die profunde Auskunftsfähigkeit und Kompetenz in wirtschaftlichen Fragen voraus, andernfalls bleiben die Systemgrenzen, die Niklas Luhmann so ironisch formuliert hat, so bestehen, dass insbesondere evangelische Wirtschaftsethik ein Geheimnis bleiben muss, weil sie geheim halten muss, dass sie gar nicht existiert.

 

Unterrichtsmaterial

www.itas.kit.edu/pub/v/2011/mari11a.pdf [zuletzt aufgerufen am 01.12.2019].

https://www.wida.wiwi.uni-due.de/fileadmin/fileupload/BWL-WIDA/Publikationen/Retzmann_Grammes2014_ethos_Gesamtband.pdf [zuletzt aufgerufen am 01.12.2019].

Zudem enthalten die Bücher (siehe Literaturliste) von Wieland (2004) und Dietzfelbinger (2004, 2015) Praxisbeispiele und Fallanwendungen.

Basisliteratur

Duchrow, U.: Alternativen zur kapitalistischen Weltwirtschaft. Biblische Erinnerung und politische Ansätze zur Überwindung einer lebensbedrohlichen Ökonomie, Gütersloh 1997.
Herms, E.: Die Wirtschaft des Menschen. Beiträge zur Wirtschaftsethik, Tübingen 2004.
In der Stunde Null. Die Denkschrift des Freiburger ‘Bonhoeffer-Kreises’: Politische Gemeinschaftsordnung. Ein Versuch zur Selbstbesinnung des christlichen Gewissens in den politischen Nöten unserer Zeit, eingel. von Helmut Thielicke, mit einem Nachwort von Philipp von Bismarck, Tübingen 1979.
Jähnichen, T.: Wirtschaftsethik. Konstellationen – Verantwortungsebenen – Handlungsfelder, Stuttgart u.a., 2008.
Kant, I.: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, in: Kant, I.: Werke in zehn Bänden, Bd. 6., hg. von W. Weischedel, Sonderausgabe Darmstadt 1983.
Kirchenamt der EKD (Hg.): Gerechte Teilhabe. Befähigung zur Eigenverantwortung und Solidarität. Eine Denkschrift des Rates der EKD zur Armut in Deutschland, Gütersloh 2006.
Kirchenamt der EKD (Hg.): Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive, Gütersloh 2008.
Kirchenamt der EKD (Hg.): Wie ein Riss in einer hohen Mauer, EKD-Texte 100, Hannover 2009.
Kirchenamt der EKD /Deutsche Bischofskonferenz (Hg.): Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit, Hannover u.a. 1997.
Luhmann, N.: Wirtschaftsethik – als Ethik? in: Wieland, J. (Hg.): Wirtschaftsethik und Theorie der Gesellschaft, Frankfurt a. M. 1993, 134–147.
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Links

Hier sind nur einige wenige einschlägige Links benannt, die eigene Recherche im Internet führt zu einer Vielzahl von Hinweisen.

www.dnwe.de
Deutsches Netzwerk Wirtschaftsethik: Verbund von rund 500 Einzelmitglieder, Unternehmen und Lehrstühlen, die sich mit wirtschaftsethischen Fragen praktisch wie theoretisch befassen.

www.eben.org
European Business Ethics Network: Die europäische Dachorganisation für wirtschaftsethische Fragen.

www.ekd.de
Die Webseite der Evangelischen Kirche in Deutschland.

www.forum-fairer-handel.de
Organisation für Produktion und Verkauf von fair produzierten Lebensmitteln.

www.iccwbo.org
Internationale Handelskammer

www.ilo.org
Internationale Arbeitsorganisation.

www.saubere-kleidung.de
Deutscher Ableger der Clean Clothes Campaign, die sich für ethisch legitimierte Produktion von Textilien einsetzt.

www.transparency.de
Die deutsche Seite von Transparency International mit Themen und Fällen.

Veröffentlicht am 19.06.2020 (Version 1.0).

Zitierweise:
Dietzfelbinger, D.: Art. "Wirtschaftsethik" (Version 1.0 vom 19.06.2020), in: Ethik-Lexikon, verfügbar unter: https://www.ethik-lexikon.de/lexikon/wirtschaftsethik.