Utilitarismus

Die Grundlage des Utilitarismus ist das Nützlichkeitsprinzip (lat. utilis = nützlich). Unter Nützlichkeit im Sinne des Utilitarismus wird allgemein die Maximierung von Freude („positiver Utilitarismus“) und die Minimierung von Leid („negativer Utilitarismus“) angesehen. Die Grundthese des Utilitarismus lautet daher positiv formuliert: Die Folgen einer Handlung sollen das größtmögliche Glück bewirken, und zwar für die größtmögliche Menge, der von der Handlung Betroffenen. In negativer Formulierung: Durch die Folgen einer Handlung entstehe möglichst wenig Leid, für möglichst wenige.

 Der Utilitarismus steht damit im Gegensatz zu einer *Pflichtenethik (bspw. I. Kant) mit der extrinsischen, d.h. einer von außen angetragenen Vorgabe "Du sollst!" (griech. deon estin = man muss, daher deontologische Ethik). Grundlage der teleologischen Ethiken ist dagegen das intrinsische, d.h. das selbstmotivierte Streben nach einem Ziel (griech. to telos = das Ziel) als Motivation für das ethische Handeln. Kurz: Nicht Normen oder Vorgaben für eine Handlung sind für die moralische Bewertung entscheidend, sondern allein ihre Folgen (Konsequenzprinzip).
Innerhalb der teleologischen Ethik wird nochmals unterschieden, je nachdem ob das angestrebte Ziel den Aufbau der eigenen Tugendhaftigkeit (*Tugendethik, bspw. Aristoteles) darstellt oder eben die Verwirklichung übergeordneter Güter (*Güterethik). 
Unter Letzteres fällt der Utilitarismus; das erstrebte Gut ist die Nützlichkeit im Sinne einer Lustmaximierung durch das Handeln (Nützlichkeitsprinzip). Daher lautet ein gängiger Vorwurf an den Utilitarismus, dass er zu Selbstsucht → Egoismus (vom lat. ego = Ich) und zu lustgesteuertem Handeln → Hedonismus (vom griech. he hedone = das Angenehme) führt. Entkräftet wird dieser Vorwurf meist mit der Argumentation, dass eine Luststeigerung des Umfelds und der Allgemeinheit für den Handelnden ebenfalls eine Luststeigerung darstellt und somit gleichermaßen erstrebt wird. Diese Rücksichtnahme auf andere wird als das Sozialprinzip des Utilitarismus bezeichnet.

Die Fragestellung an den Utilitarismus lautet daher, ob ein System ohne Normen und folgenunabhängiger Werte, wie bspw. Gerechtigkeit, ausreichend für eine Ethik ist.
 

Basisinformationen

Als Begründer eines elementaren Utilitarismus gilt der griechische Philosoph Epikur (341 – 271/70 v. Chr.). Seine philosophische Schule entwickelte sich parallel zur Stoa und stellte im Gegensatz zur Fokussierung auf den Geist die Körperlichkeit in den Mittelpunkt. Dies führte zum oben genannten Vorwurf des Hedonismus. Diese Streitigkeit setzte sich im römischen Epikureismus des ersten vorchristlichen Jahrhunderts fort. Grundlegend für die damalige Sittenlehre war die Orientierung an der „Sitte der Vorfahren“ (lat. mos maiorum). Auch wenn der Epikureismus eine eher unbedeutende philosophische Richtung dieser Zeit war, diente er als leicht zu kritisierende Negativfolie, besonders für den einflussreichsten Staatsphilosophen des Imperiums Romanums Cicero (106 – 43 v. Chr.). Verstärkt wurde dieses negative Bild des Epikureismus durch den Dichter Horaz (65 – 8 v. Chr.), welcher die römische Gesellschaft in seinen Satiren kritisierte und sich mit einer gewissen Selbstironie als ein „Schwein aus der Herde“ Epikurs bezeichnete. Dieses negative Bild einer „Schweine-Ethik“ haftete dem Epikureismus und in Folge auch dem Utilitarismus lange an. 

Als konkretes System entwickelte sich der Utilitarismus jedoch erst im England des 19. Jahrhunderts. Der Hauptgrund für die erfolgreiche Wiederkehr des hedonistischen also lustorientierten Prinzips war wohl die Aufklärung. Die Motivation für ethisches Handeln sollte eben keine wertende und belohnende, metaphysische Instanz mehr sein. 
Als erster Vertreter des neuzeitlichen Utilitarismus gilt Jeremy Bentham (1748 – 1832). In seinem Werk „Eine Einführung in die Prinzipien der Moral und der Gesetzgebung“ legt er zu Beginn dar: 
„Die Natur hat die Menschheit unter die Herrschaft zweier souveräner Gebieter – Leid und Freude – gestellt. Es ist an ihnen allein aufzuzeigen, was wir tun sollen, wie auch zu bestimmen, was wir tun werden.“ (Zit. nach Höffe, 2013, S. 55). 
Freud und Leid sind daher die einzigen Gebieter, unter deren „Joch“ man sich stellen solle – allerdings unter dem Prinzip der Nützlichkeit. 
„Unter Prinzip der Nützlichkeit ist jenes Prinzip zu verstehen, das schlechthin jede Handlung in dem Maß billigt oder mißbilligt, wie ihr die Tendenz innezuwohnen scheint, das Glück der Gruppe, deren Interessen in Frage steht, zu vermehren oder zu vermindern, oder – das gleiche mit anderen Worten gesagt – dieses Glück zu befördern oder zu verhindern.“ (Zit. nach Höffe, 2013, S. 56).
In der gedanklichen Nachfolge Benthams ist John Stuart Mill (1806 – 1873) zu sehen, der den bisher lose gebrauchten Begriff durch seinen Aufsatz Utilitarismus (1861 als Artikel, 1863 in Buchform) etablierte und systematisch einführte. 
„Die Auffassung, für die die Nützlichkeit oder das Prinzip des größten Glücks die Grundlage der Moral ist, besagt, daß Handlungen insoweit und in dem Maße moralisch richtig sind, als sie die Tendenz haben, Glück zu befördern, und insoweit moralisch falsch, als sie die Tendenz haben, das Gegenteil von Glück zu bewirken. Unter ,Glück‘ ist dabei Lust [pleasure] und das Freisein von Unlust [pain], unter ,Unglück‘ [unhappiness] Unlust und das Fehlen von Lust verstanden. […]“ (Mill, 2010, S. 23 & S. 25)
[Daher ist die, T.S] Lebensauffassung, auf der diese Theorie der Moral wesentlich beruht: daß Lust und das Freisein von Unlust die einzigen Dinge sind, die als Endzwecke wünschenswert sind, und daß alle anderen wünschenswerten Dinge (die nach utilitaristischer Auffassung ebenso vielfältig sind wie nach jeder anderen) entweder deshalb wünschenswert sind, weil sie selbst lustvoll sind oder weil sie Mittel sind zur Beförderung von Lust und zur Vermeidung von Unlust.“ (Mill, 2010, S. 25)
Die Leistung Mills besteht auch darin, dass er den klassischen Vorwürfen, der Utilitarismus sei unreflektierte Triebbefriedigung, entgegentritt. Höhere Lebewesen wie der Mensch reflektieren, dass Glück [happiness] mehr ist als zeitweilige Zufriedenheit [content]. Die Folge daraus ist, dass sie ihr eigenes Glück immer nur relational zum absoluten Glück als unvollkommen wahrnehmen. Aber gerade durch diese Reflexionsleistung ist der Utilitarismus auch für moralisches Handeln geeignet. Pointiert ausgedrückt wird diese Denkfigur mit dem Verweis auf die Vorwürfe gegen Epikur: 
„Es ist besser, ein unzufriedener Mensch zu sein als ein zufriedenes Schwein; besser ein unzufriedener Sokrates als ein zufriedener Narr. Und wenn der Narr oder das Schwein anderer Ansicht sind, dann deshalb, weil sie nur die eine Seite der Angelegenheit kennen. Die andere Partei hingegen kennt beide Seiten.“ (Mill, 2010, S. 33)
Um den Vorwurf der Amoralität des Systems zu begegnen versucht Mill besonders im vierten Kapitel „Welcherart Beweis sich für das Nützlichkeitsprinzip führen lässt“ die Verbindung von dauerhaftem Glück und Tugend aufzuzeigen. Allerdings will er Mill gar keinen echten Beweis führen, sondern verweist auf die vermeintliche Evidenz. Ebenso wie der einzige Beweis für die Sichtbarkeit von Dingen ist, dass sie gesehen werden, gilt: „Dafür, dass das allgemeine Glück wünschenswert ist, lässt sich kein anderer Grund angeben, als dass jeder sein eigenes Glück erstrebt, insoweit er es für erreichbar hält.“ (Mill, 2010, S. 107)
Hiermit wurden die Grundzüge des Utilitarismus anhand dreier klassischer Vertreter nachgezeichnet. Die kritischen Anfragen an den Utilitarismus, wie auch die Auseinandersetzung mit einem aktuellen Vertreter des Utilitarismus werden im folgenden Abschnitt skizziert. 
 

a.    Grundlegende Informationen – Kritische Anfragen an den Utilitarismus

Das utilitaristische Prinzip setzte sich besonders im englischsprachigen Raum schnell durch, während im deutschsprachigen Raum noch lange Zeit die von Kant geprägte *Pflichtenethik dominierte. Als die drei Hauptgründe für den Erfolg des Utilitarismus lassen sich prima facie folgende Gründe anführen: Die Einfachheit des Prinzips, seine Evidenz und der Verzicht auf übergeordnete Instanzen, welche die Moralität der Handlung bewerteten. 
Jedoch gab es auch auf verschiedenen Ebenen Kritik am Utilitarismus, besonders gegen J.S. Mills bekannten Ansatz (vgl. Abschnitt 2.).  Zur Vergegenwärtigung die Hauptthese: Eine Handlung ist moralisch gut, wenn sie das Glück befördert, weil alle Menschen glücklich sein wollen. George Edward Moore (1873 – 1958) erhob dagegen 1903 in den „Principia Ethica“ gegen Mill den Vorwurf der naturalistic fallacy („Naturalistischer Fehlschluss“ oder „Seins-Sollen-Fehler“). Dabei wird ein logischer Irrtum in denjenigen Argumentationen markiert, in denen aus einer deskriptiven Beschreibung (Sein) direkt eine präskriptive Forderung (Sollen) folgt. Hierbei geht Moore auf die Argumentation Mills ein, Glück solle vermehrt werden, da es jede/r erstrebe (S.o. 2; vgl. Mill, 2010, S. 106 [engl.]/ 107 [dt.]) Der Fehler Mills ist es, dass „wünschenswert“ mit „sichtbar“ gleichgesetzt wird. Dabei ist „sichtbar“ (engl. visible = able to be seen) eine klar deskriptive Kategorie (Sein). „Wünschenswert“ (desirable) meint allerdings nicht deskriptiv, dass es möglich ist dieses Ding zu wünschen (able to be desired). Vielmehr liegt hier eine präskriptive Kategorie (Sollen) vor, wie es im Deutschen durch das Präfix wert hervorgehoben wird. Die Argumentation wird im Englischen deutlicher:
“Well, the fallacy in this step is so obvious, that it is quite wonderful how Mill failed to see it. The fact is that desirable does not mean able to be desired as visible means able to be seen. The desirable means simply what ought to be desired or deserves to be desired; just as the detestable means not what can be but what ought to be detested and the damnable what deserves to be damned.” (Moore, 1903, § 40)
Der Vorwurf an den Utilitarismus, er begehe einen Sein-Sollen-Fehler ist als phänomenologische Kritik zu markieren. Die kritische Anmerkung lautet, dass „gut“ nicht per se, sondern immer nur als Subsummierung verschiedener Eigenschaften bestimmt werden kann. Es wird infrage gestellt, ob „gut“ als Kategorie hinreichend geeignet ist Entscheidungen zu treffen.
Eine positive Beantwortung dieser Frage wird im Folgenden vorausgesetzt. Nun sollen vielmehr zwei grundlegende ethische Fragestellungen, die der Utilitarismus evoziert, aufgezeigt werden. Die Grundthese des Utilitarismus sei hier vergegenwärtigt: Die Folgen einer Handlung sollen das größtmögliche Glück, für die größtmögliche Menge, der von der Handlung Betroffenen, bewirken. (In negativer Formulierung: Möglichst wenig Leid, für möglichst wenige.) Eine tiefergehende ethische Reflexion wird durch diese These in zwei interdependenten Situationen hervorgerufen. Erstens, wenn sich zwei moralisch gebotene Handlungen ausschließen und zweitens, wenn sich die Auswirkungen zweier potentieller Handlungen nicht vergleichen lassen.
Moralische Dilemmata treten dann auf, wenn zwei Handlungen (A und B) moralisch geboten wären, es aber nicht möglich ist, beide zu vollziehen. Dies kann der Fall sein, wenn entweder A die Unterlassung von B ist oder die sich beiden Handlungen aufgrund der Umstände (bspw. zeitlich oder räumlich) ausschließen. Dieser Konflikt ist die Grundsituation des Utilitarismus, da Handlungen, die ausschließlich zur Vermehrung des allgemeinen Glücks und zur Verhinderung des allgemeinen Leides führen, selten gegeben sind und keiner ethischen Reflexion bedürfen. Die Grundfrage lautet vielmehr: „Welche der sich gegenseitig ausschließenden Situationen A oder B führt zu mehr Glück und weniger Leid?“
Ein klassisches Gedanken-Experiment dazu ist das Trolley-Problem. Es lautet folgendermaßen: „Ein Zug lässt sich durch technisches Versagen nicht mehr bremsen und er rast auf eine Gruppe von fünf Menschen zu. Durch das Umstellen einer Weiche kann der Zug auf ein anderes Gleis geleitet werden, auf dem sich nur eine Person befindet. Welche Handlung ist geboten?“. 
Für den Utilitaristen ist die Antwort im Grundfall klar: Die Weiche muss umgestellt werden. 
Das Experiment eignet sich daher gut für die Anwendung (vgl. 4.), da sich die Faktoren leicht modifizieren lassen. Die Betroffenen auf den jeweiligen Gleisen können mit unterschiedlichen „Werten“ versehen werden. Die Personen können Träger vermeintlich objektiver Werte sein (Kinder – Senioren; Bundeskanzlerin – Sozialhilfeempfänger) oder auch subjektiver Werte (naher Verwandter – Gruppe von Unbekannten). In diesen modifizierten Fällen wäre der Weg zur Lösung: Man gebe den Betroffenen einen Wert und stelle die Weiche auf das Gleis der Betroffenen mit dem geringeren Wert.
Daher lautet eine kritische Anfrage, ob sich Güter überhaupt vergleichen lassen. Wird eine monistische Wertauffassung zugrunde gelegt, gebe es theoretisch keine moralischen Dilemma-Situationen. Dies gilt, da sämtliche Güter einen einzigen (griech. monos) und klar zu benennenden Wert haben. Eine ethische Entscheidung wäre hier eine mathematische Entscheidung, in der sich sowohl Lustgewinn positiv und Leiderfahrung negativ summieren lassen als auch die potentiell Betroffenen von zwei sich ausschließenden Handlungen, durch Qualität und Quantität, bestimmbar wären. Nach dieser Auffassung wäre auch das Gewissen entlastet, da die eindeutige und objektive Richtigkeit der Entscheidung auch bei tragischen Entscheidungen gegeben wäre.
Dem gegenüber steht die pluralistische Auffassung, nach der Güter mehrere (lat. pluralis) bestehende Werte haben und daher nicht-messbar (lat. incommensurabilis) sind. Dieser Fall liegt vor, wenn zu vergleichende Güter aufgrund von kategorialer Verschiedenheit oder der Tatsache, dass sie in sich weitere Werte vereinen, nicht verglichen werden können. Ein weiterer Faktor, welcher der monistischen Werttheorie widerspricht, ist die jeweils subjektive Bewertung eines Gutes durch das handelnde Objekt. Dass der zweite Fall näher an der komplexen Lebenswelt ist, sollte klar sein.

Das Problem ist allerdings, selbst bei monistischer Betrachtungsweise: Durch das Umstellen der Weiche wird der Tod einer Person verursacht, die ohne das Eingreifen überlebt hätte. Wie lässt sich dieses Dilemma für den Handelnden reflektieren? Bei einer konsequenten utilitaristischen Betrachtung ist das Gewissen entlastet. Durch das Umstellen der Weiche überlebten vier Personen mehr, wofür der Tod einer Person in Kauf genommen werden musste. Selbst wenn man sich nicht in der Lage sah durch Umstellen der Weiche den Tod der spezifischen Person auf dem anderen Gleis zu verursachen, gilt der Grundsatz: „Niemand ist über sein Können hinaus verpflichtet“ (lat. ultra posse nemo obligatur). Sprich: Die Möglichkeit eine nach utilitaristischen Maßstäben bessere Handlung zu unterlassen wird eingestanden, sofern der Grund für die Unterlassung das eigene Unvermögen war. 

b.    Ethische Debatte – Peter Singer

Als bekanntester und kontroversester zeitgenössischer Vertreter des Utilitarismus gilt der Philosoph Peter Singer (*1946). In seinem 1980 erstmals erschienenen Werk „Praktische Ethik“ wendet er das utilitaristische Prinzip unter den Bedingungen der modernen Gesellschaft und Medizin an und weist auf die Probleme hin, welche durch eine konsequente Befolgung des Prinzips entstehen. Für Singer können dabei zwei Problemfelder in den gängigen utilitaristischen Abwägungen besonders markiert werden: Zum einen die grundsätzliche Bevorzugung von menschlichem Leben gegenüber tierischem und zum anderen die grundsätzliche Bevorzugung von geborenem Leben gegenüber ungeborenen. 
Der Speziesismus-Vorwurf Singers lautet, dass wir die Interessen der eigenen Art (= lat. species) immer bevorzugen. Utilitaristische Abwägungen sind wörtlich wie das Verhalten einer Waage mit zwei Schalen zu sehen, welche sich völlig unvoreingenommen zur schwerwiegenderen Seite neigt. (Vgl. zum Problem der monistischen Wertauffassung den letzten Abschnitt). 
„Echte Waagen begünstigen die Seite, auf der das Interesse stärker ist, oder verschiedene Interessen sich zu einem Übergewicht über eine kleinere Anzahl ähnlicher Interessen verbinden; aber sie nehmen keine Rücksicht darauf, wessen Interessen sie abwägen“ (Singer, 2013, S. 53) 
Die Forderung nach einer fairen Interessensabwägung ist bestechend und das Mitbedenken der tierischen Interessen sollte zumindest zu einer ethischen Reflexion des eigenen Fleischkonsums anregen. Jedoch geht Singer mit seinem Anliegen „den Status der Tiere zu heben, nicht aber, den der Menschen zu senken“ für die meisten zu weit, wenn er provokant die Ersetzung von Tierversuchen durch die Partizipation behinderter Menschen an diesen Versuchen vorschlägt. (Singer, 2013, S. 130). 
Das Waagschalen-Argument verwendet Singer auch in dem Interview mit der NZZ (2015) mit dem provokanten Titel „Ein Embryo hat kein Recht auf Leben“. Besonders gravierend scheint der Singersche Konsequentialismus in Bezug auf die Präferenzen von Menschen zu Lebensbeginn. Singer verweist darauf, dass Föten mit einer schwerwiegenden Behinderung sehr lange abgetrieben werden dürften, wohingegen Babys mit einer gravierenden Hirnblutung, die aber selbständig atmen können, keine euthanisierende Injektion erhalten dürfen:
„Die Geburt markiert keine scharfe Grenze. Entscheidend sind andere Faktoren. Etwa ob das Kind Schmerz empfindet oder Selbstbewusstsein entwickelt. Aber ein Frühgeborenes im Alter von 23 Wochen hat keinen anderen moralischen Status als ein Kind mit 25 Wochen in der Gebärmutter.“ (Singer, 2015).
Die Beispiele Singers sind bewusst provokant formuliert. Sie sollen zu Widerspruch und Kritik anregen und den Utilitarismus einen Stresstest unterziehen. Sie richten sich besonders gegen diejenigen Ethiken, die mit einer besonderen Heiligkeit des menschlichen Lebens argumentieren 

 

c.    Evangelische Positionierung

Zeichen der meisten zeitgemäßen Ethiken – generell wie auch evangelisch – ist es, sich nicht allein auf eine der drei Alternativen Pflichten-, Tugend- oder Güterethik festzulegen, sondern sich Anleihen aller drei Typen zu bedienen. Der Utilitarismus als Prinzip erfährt daher eine Wertschätzung; auf zwei Punkte zur Schärfung der Positionierung sei jedoch hier verwiesen:

Die Auseinandersetzung mit den Thesen Singers, insbesondere die Hervorhebung der besonderen Stellung des Menschen innerhalb Gottes Schöpfung ist Thema der christlichen *Anthropologie. Dabei wird weniger die prinzipielle Überordnung des Menschen über die Schöpfung betont, sondern vielmehr die Verantwortung als Verwalter der *Natur. 

Wie dargestellt geht der Utilitarismus – zumindest theoretisch – von der Kommensurabilität von Gütern aus. Die aus dieser Eindeutigkeit folgende Ausschaltung der Gewissensinstanz wird in der evangelischen Ethik negiert. Als signifikante Positionierung hierfür lässt sich Dietrich Bonhoeffer (1906 – 1945) anführen. Bekanntermaßen war Bonhoeffer Gegner des NS-Regimes. Seine 1940 begonnene und teilweise in Haft verfasste „Ethik“ blieb wegen seiner Hinrichtung im KZ Flossenbürg tragischerweise unvollendet. Die hier evidente Dilemma-Situation ist die Frage nach der Rechtmäßigkeit des Tyrannenmordes. Bonhoeffer war Teil einer aristokratisch geprägten Verschwörungsgruppe, die Attentate auf Hitler plante – der bekannteste Versuch war derjenige Claus Schenk Graf von Staufenbergs (1907 – 1944). Bonhoeffer sah das per se ethisch falsche Handeln des Mordens in der Extremsituation als richtig an, wollte aber das Gewissen nicht entlastet wissen.
In dem Fragment der Ethik „Die Geschichte und das Gute“ beschreibt er die „Struktur des verantwortlichen Lebens“ doppelt als „Bindung des Lebens an Mensch und Gott und die die Freiheit des eigenen Lebens“ (Bonhoeffer 2010 [1942], S. 245–299, hier S. 256). Die eigene Autonomie wird durch das Hören auf das Gewissen verwirklicht. Dies kann aber in Grenzfällen Widerspruch zum gegeben Gesetz werden. In diesen Situationen ist ein Gesetzesbruch notwendig, jedoch immer verknüpft mit der „Bereitschaft zur Schuldübernahme“ (Bonhoeffer, 2010, S. 275). Diese Bereitschaft zur Schuldübernahme ist das entscheidende Moment. Denn würde man das Handeln in Ausnahmesituationen ethisch legitimieren, bestünde die Gefahr, dass aus dem Ausnahmefall der Normalfall würde. Kennzeichnend ist, dass die Handlung im Bewusstsein des Schuldigwerdens an der Welt vollzogen wird und ihre Richtigkeit vorerst offen bleibt. Für Bonhoeffer gehört das Handeln und Leben auf der Welt zu den „vorletzten Dingen“ die letztgültig von Gott bewertet werden. Durch diese Figur versucht er die Mitte zwischen der Werkgerechtigkeit und einer Passivität aufgrund der vollzogenen Rechtfertigung zu finden. Die Benennung der Schuld des menschlichen Handelns, in der Hoffnung auf die göttliche Vergebung, ist der theologische Mehrwert gegenüber utilitaristischen Theorien, welche das Gewissen durch eindeutige Güterabwägungen entlasten wollen. 

 

d.     Konsequenzen 

Die ersten beiden Kapitel stellten die Vorzüge des Utilitarismus dar, dieses Kapitel zeigte in drei Unterpunkten Kritik auf.  
Daher ist festzuhalten, dass der Utilitarismus nicht als immer anwendbares ethisches Prinzip auf jede denkbare Situation betrachtet werden sollte. Vielmehr ist er eine situationsadäquat zu nutzende Regel, welche ihre Stärken a. in der prinzipiell intuitiven Evidenz und b. in einem starken analytischen Zugang hat. Wird der „Naturalistische Fehlschluss“ (ad a.) vermieden und werden die Probleme der „Inkommensurabilität“ und des „Gewissenskonflikts“ (ad b.) zu Bewusstsein gebracht, bietet der Utilitarismus in Einzelfällen eine gute Leitlinie für die Lösung von ethischen Problemen. 
 

 

a. Möglichkeiten der Operationalisierung in Unterricht und Predigt

Das Thema Utilitarismus kann im evangelischen Religionsunterricht jederzeit eingebracht werden, wenn Fragen der Lebensführung und der ethischen Entscheidungsfindung Thema des Unterrichts sind. Ein Vorteil ist, dass das Grundschema des Utilitarismus nicht zu komplex ist und auch die Beispiele altersgemäß angepasst werden können. 
Grundsätzlich ist das Thema jedoch im Lehrplan für die Oberstufe vorgesehen und Teil der Lernbereiche „Die Frage nach dem guten Leben“ (Gymnasium, 12. Jahrgangsstufe, Lernbereich 2) und „Bedacht entscheiden“ (BOS 13. Jgst., LB 2). Die im Weiteren angeführten Möglichkeiten beziehen sich auf die genannten Bereiche und Altersgruppen; die Möglichkeit zur Adaption des Themas für andere Operationalisierungen sei hiermit jedoch nochmals markiert.
Beide genannten Bereiche eignen sich dazu, ethisches Handeln einer Reflexion zu unterziehen und neben dem Utilitarismus die anderen Möglichkeiten des Handelns (bspw. normorientiertes Handeln) aufzuzeigen. Ausgehend von kurzen Quelltexten ist es möglich die Unterschiede zwischen verschiedenen Ansätzen zu erarbeiten. Eine Möglichkeit ist die Gegenüberstellung von Kants Kategorischem Imperativ und der Millschen Definition des Utilitarismus (Mill, 2010, S. 23 & 25). Gewinnbringend scheint es auch, die Schülerinnen und Schüler eigene (utilitaristische) Handlungsregeln aufstellen zu lassen.

In der Predigt können diverse Bibelstellen aus den Komplexen Nächstenliebe und Gerechtigkeit (Gottes und untereinander) mit dem Thema verbunden werden. Als Kardinalsstelle für das Konzept sei hier die sog. Goldene Regel zu nennen: „Und wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch.“ (Lk 6,31 // Mt 7,12) 
Die Pointe daran ist, dass der hermeneutische Schlüssel des Utilitarismus umgekehrt wird: Nicht die Maximierung des eigenen Glücks steht im Fokus des Handelns, sondern das Glück der anderen. Die Stelle entstammt der gängigen Forschungsmeinung nach der Logienquelle Q, einer theoretisch rekonstruierten Sammlung von Aussprüchen Jesu, welche ca. 70–80 n. Chr. in den Gemeinden überliefert wurden. Diese erste Quelle diente dann den Evangelisten Lukas und Matthäus, gemeinsam mit dem bereits existierenden Markus-Evangelium, als Grundlage ihrer Werke. Prägnantester Beweis für die hier skizzierte „Zwei-Quellen-Theorie“ ist das Fehlen der mt. Bergpredigt bzw. lk. Feldrede – beides wird Q zugeschrieben – in Mk. Dieser Exkurs sollte eines verdeutlichen: Der ursprüngliche Sitz im Leben der Goldenen Regel war die Unterweisung einer relativ kleinen Gemeinde der jungen christlichen Religion. Mit der Befolgung dieser altruistischen Regel entsteht eine Situation, welche das Ziel des sozialen Utilitarismus ist. Durch die Steigerung des Glücks der anderen, wird das Glück der Gemeinschaft gefördert; in diesem Fall einer kleinen und vertrauten Gemeinschaft. Das höhere Glück der Gemeinschaft und das Sich-Einsetzen aller für das Glück der Gemeinschaft führt dann schließlich: zur Steigerung des eigenen Glückes. 

b. Medien/Material: Texte und Serien

Das Thema Utilitarismus eignet sich gut für den Einsatz von Medien außerhalb des Lehrbuchs. 
Für die Verortung des Utilitarismus innerhalb der ethischen Systeme bieten sich die „Gewissenfragen“ des Populär-Ethikers Rainer Erlinger an. In seiner Kolumne beantwortet er LeserInnen-Fragen zu ethischen Themen. In der Durchführung wäre folgender Ablauf möglich: Die Lehrkraft stellt eine Frage vor. Die SuS beantworten sie in Gruppen mit verschiedenen ethischen Ansätzen (normen- oder konsequenzorientierter Ansatz etc.). Die Gruppen stellen ihre Antworten vor und diskutieren sie. Die Antwort Erlingers wird vorgestellt und diskutiert. 
Die Sammlung der Gewissensfragen findet sich auf der Homepage des Autors: #http://www.rainererlinger.de/die-gewissensfrage.html

Ausschnitte aus Filmen und Serien eignen sich besonders für die Darstellung und Diskussion von Dilemma-Situationen. Die Charaktere werden oft vor schwierige Situationen gestellt, in welchen sie sich unter zeitlichem und psychischem Druck entscheiden müssen. Auch hier kann die Sequenz unmittelbar vor der Entscheidung angehalten werden und die SuS sollen die Handlungsoptionen der Figur aufzeigen und diskutieren. Nach der „Auflösung“ wird dann noch die Handlungsentscheidung des filmischen Charakters diskutiert. Da Dilemma-Situationen meist sehr drastisch dargestellt werden, sind die Bestimmungen des Jugendschutzes zu beachteten, ebenso Fragen des Urheberrechts. Als geeignete Quellen für Dilemma-Situationen eigenen sich unter anderem folgende Serien: 24, Black Mirror, Breaking Bad, The Walking Dead und viele weitere. 
Des Weiteren eignen sich auch Fälle von Dilemmata und Interressenskollisionen aus den tagesaktuellen Medien. Auch sei auf die Kreativität der SuS verwiesen. Mit dem Auftrag: „Konstruiert eine Dilemma-Situation und diskutiert sie“ lässt sich eine Unterrichtsstunde gut gestalten. 
Die vorgeschlagenen Möglichkeiten des Medieneinsatzes führen auch meist zu der grundlegenden Einsicht: Eindeutigkeit in ethischen Fragen ist schwer zu erreichen.

    c. Impulse

Die Möglichkeiten der Operationalisierung wurden im Fließtext aufgezeigt. Abschließend werden beispielhafte Fragestellungen als Stichpunkte angeführt. 

  • Wo lässt sich der Utilitarismus in ethischen Systemen verorten und welche Alternativen gibt es?
  • Erstellt eine ethische (utilitaristische/deontologische) Regel in eigenen Worten.
  • Lässt sich Glück und Leid bemessen und wenn ja, wie? 
  • Was ist ein Dilemma? Wann wart ihr in so einer Situation, wie habt ihr gehandelt und warum?
  • Bei einer vorgegebenen ethischen Frage bspw. Gewissensfrage Erlingers / Ausschnitt einer Serie etc.: Wie würdet ihr handeln und warum? Argumentiert normen- oder konsequenzorientiert.
  • Anhand des Interviews Singers (Oberstufe): Darf man Embryos töten? Diskutiert in zwei Gruppen pro und contra; gelost abseits der eigenen Meinung.

 

Ergänzungen der GPM (redaktionell hinzugefügt)

(1) Explizite Thematisierung:
 
Ev 12.2 »Was soll ich tun? Die Frage nach der richtigen Lebensführung«
mit Grundbegriffen der Ethik umgehen und ausgewählte Ansätze philosophischer Ethik kennen. Dazu Terminologie und Einordnungskriterien (deontologisch, teleologisch; situativ, normativ; Gesinnung, Verantwortung) anhand von Grundmodellen ethischen Argumentierens: Pflichtethik I. Kants und Utilitarismus
 
ER 12.2 »Die Frage nach dem guten Leben«
Die SuS setzen sich mit Grundmodellen und Entwürfen philosophischer Ethik auseinander und vergleichen sie im Blick auf ihre Vorstellungen von gutem Leben. Inhalte dazu: ethische Grundbegriffe und Einordnungskriterien: Moral, Ethik und weitere wie autonom, heteronom, deontologisch, teleologisch, Normen-, Situations-, Gesinnungs-, Verantwortungs-, Tugendethik
 
(2) Weitere Anknüpfungsmöglichkeiten:
 
Ev 10.5 »Tun und Lassen«
Die Schüler […] verstehen Grundbegriffe ethischer Reflexion und wenden sie an.
 
Ev 12.4 »Gesund und Heil – Das Leben angesichts der Unvollkommenheit«
Die Schüler nehmen eigene und gesellschaftliche Vorstellungen von Gesundheit und Leistungsfähigkeit in den Blick und bringen sie mit christlichen Impulsen zum Umgang mit Krankheit und Endlichkeit ins Gespräch. An einem aktuellen medizinethischen Beispiel konkretisieren sie die Frage nach dem Umgang mit dem unvollkommenen Körper. Die in 11.2 erarbeiteten Grundelemente der biblisch-reformatorischen Sicht auf den Menschen werden in der Auseinandersetzung vertieft […] (z. B. aktive Sterbehilfe, Präimplantationsdiagnostik/ pränatale Diagnostik, Genmanipulation); dazu u.a. Wahrnehmung des Problems aus verschiedenen Perspektiven, u.a. des christlichen Verständnisses von Mensch, Heil und Heilung
 
ER 10.4 »Mitten im Tod: das Leben«
Die SuS formulieren ethische Fragestellungen im Problembereich von Lebensanfang oder Lebensende und erschließen eine ausgewählte Problemstellung differenziert und sachgerecht. Sie beziehen Aspekte einer christlichen Sicht von Gott und Mensch auf die ausgewählte Problemstellung und diskutieren über Lösungsmöglichkeiten aus; dazu ein konfliktethisches Thema, z. B. Präimplantationsdiagnostik, pränatale Diagnostik, Abtreibung, Organspende, Sterbehilfe, Todesstrafe, Suizid sowie christliche Perspektiven im Umgang mit der gewählten Problemstellung: der Mensch als Geschöpf Gottes, Würde des Menschen, Ebenbildlichkeit, Freiheit und Verantwortung, bedingungslose Zuwendung Gottes zum Menschen
 

a. Vertiefende Literatur

i. Primärquellen

  • Bentham, J.: Introduction to the Principles of Morals and Legislation (1789), auszugsweise übersetzt in: Höffe, O. (Hrsg.): Einführung in die utilitaristische Ethik, 5., überarbeitete und erweiterte Ausgabe, Tübingen 2013.
  • Bonhoeffer, D.: Ethik. Hrsg. von Tödt, I. u.a., Gütersloh 32010.
  • Erlinger, R.: Die Gewissensfrage, 2002 ff. Online: http://www.rainererlinger.de/die-gewissensfrage.html (07.05.2018).
  • Mill, J. S.: Utilitarism / Der Utilitarismus (1871). Englisch/Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Birnbacher, D., Stuttgart 2010.
  • Moore, G. E.: Principia Ethica (1903). Online verfügbar: http://fair-use.org/g-e-moore/principia-ethica/ (25.04.2018).
  • Singer, P.: Praktische Ethik, 3., revidierte und erweiterte Auflage, Stuttgart 2013.
  • Singer, P.: Ein Embryo hat kein Recht auf Leben, in NZZ am Sonntag 24.05.2015. Online verfügbar: https://www.nzz.ch/nzzas/nzz-am-sonntag/philosoph-peter-singer-ein-embryo-hat-kein-recht-auf-leben-1.18547574.
     

ii. Sekundärquellen

  • Driver, J.: "The History of Utilitarianism", The Stanford Encyclopedia of Philosophy (2014). Online verfügbar: https://plato.stanford.edu/entries/utilitarianism-history/ (25.04.2018).
  •  Fischer, J., u.a.: Grundkurs Ethik. Grundbegriffe philosophischer und theologischer Ethik. Zweite, überarbeitete und erweiterte Ausgabe, Stuttgart 2008.
  • Höffe, O. (Hrsg.): Einführung in die utilitaristische Ethik, 5., überarbeitete und erweiterte Ausgabe, Tübingen 2013.
  • Lampenscherf, S.: Art. Utilitarismus, in TRE Band 34 (2002) S. 460 – 463.
  • Lohmann, F.: Art. Utilitarismus, in: RRG4, Bd. 8 (2005), Sp. 860 – 861.